Aemet-Lettten, der Bauboom der 1960er Jahre

Fuhr man in den 1970er Jahren von Wetzikon nach Bauma, so war man bei der Einfahrt nach Bäretswil leicht irritiert. Nach der ländlichen Gegend von Emmetschloo und Rigiblick, der Fahrt durch den Chämtnerwald und das Schürli sah man sich plötzlich und unerwartet dem vollständig überbauten Südhang des Aemet gegenüber.

Bis 1960 gab es das Dorf Bäretswil und Adetswil und dazwischen nur wenige einzelne Häuser entlang der Adetswilerstrasse, die beim Ochsen den Staldenbach überquert und nach Adetswil hinaufführt. Da war das alte Lettenschulhaus beim Bahnhof, das Bergheimetli eines romantisch veranlagten ETH-Professors („Schoggihüsli„, Baujahr gem. GVZ 1700?), das 1925 erbaute Bergchalet, das dann 1951 zum kath. Pfarrhaus umgebaut wurde und dahinter ein einzelnes Haus an der Aemetstrasse.

Als der Staldenbach noch zwei Herrschaftsgebiete trennte

Als 1408 die Herrschaft Grüningen unter die Hoheit der Stadt Zürich kam, wurde damit der Grossteil von Bäretswil zürcherisch. Nur ein kleiner Teil mit Adetswil, Waberg und Bussental unterstand der Grafschaft Kyburg, womit die Gemeinde in zwei Landvogteien lag.[1]

Kartenausschnitt von Swisstopo mit der Verbindung von Bussenthal nach Adetswil (Engelsteinstrasse)
Die (alte) Egelsteinstrasse von Bussenthal (Kreuzstrasse) nach Adetswil

Swisstopo Bussenthal-Adetswil 1900

Die UeBB ist von Bauma her über Neuthal bis Sennweid gebaut.

Gut sichtbar die beiden Moorgebiete nördlich (Sennweid) und südlich (Hüttenriet) von Bussenthal. Hier kreuzen die Linien Hinterburg – Adetswil und Bauma – Wetzikon.

Die Kantonsstrasse (seit 1841) führt durch das teilweise entwässerte Hüttenriet. Die alten Wege führen auf festem Grund den Hängen entlang:
– die (Alte) Engelsteinstrasse westlich
– die Hüttenacherstrasse östlich

Die beiden Strassen, die den Aemet („Emmet“ / Letten) erschliessen, sind noch nicht gebaut.

Heute tretet der Staldenbach, der die Grenze zwischen den zwei Landvogteien bildete, kaum mehr in Erscheinung. Beim Ochsen ist er durch die Adetswilerstrasse auf einer Länge von ca 80 m überbrückt und weiter unten fliesst er seit 1902 unter der Bahnhofbrücke durch. Der Staldenbach entwässert das Hüttenriet und das Hochmoor, das bis Bussenthal reicht. Dort liegt der Sattelpunkt des Übergangs vom Glatttal ins Tösstal mit einer Höhe von 714 m, damit die Wasserscheide und damit auch der Ort auf festem Grund. Über diesen Sattelpunkt führte der Weg vom Rüeggenthal hinauf zum Engelstein und weiter nach Adetswil. Die heutige Strasse von Bauma nach Bäretswil wurde dann 1841 gebaut. Und auf dem Kreuzungspunkt dieser beiden Linien, zuoberst auf dem Sattel, stand – für sich sprechend – das Restaurant Kreuzstrasse.

Wirtschaft Kreuzstrasse, wo sich die Wege kreuzen.
Restaurant Kreuzstrasse in Bussenthal. Hier kreuzten sich die Strassen

Es begann 1955 mit einem Ferienhaus

1955 war der Aemet erst über die (alte) Engelsteinstrasse erschlossen. Ein Herr Wunderli, Autobesitzer, baute sich hier als erster ein Ferienhaus. Ihm folgten 1956/57 Gerstl und Stutz.
Otto Baumann sen. (1898-1990), Garagenbesitzer in Oerlikon, hatte geschäftlich mit Wunderli zu tun. Er setzte sich vor das Ferienhaus, schaute aufs Dorf und in die Berge und beschloss, hier zu bauen. Er kaufte vom Bauer Kunz Land zum üblichen Preis von 5 Franken/m2, ohne sicher zu sein, überhaupt eine Baubewilligung zu erhalten. Am Montag ging er dann zur Gemeinde und erhielt die Zusicherung, dass die Gemeinde das Land als Bauland erschliesse.

Engelsteinstrasse 39, Ferienhaus Wunderli 1955, mit Blick gegen Jakobsberg
Engelsteinstrasse 39, Ferienhaus Wunderli 1955, mit Blick gegen Jakobsberg

Die Überbauung des Aemet in den 1960er Jahren

In den frühen 1960er Jahren gings los. Das Land am Aemet gehörte drei Bauern, von West (Adetswil) gegen Ost: Brandenberger, Hans Kunz und Fritz Jung. An der Alten Engelsteinstrasse gab es drei Häuser:
Gerstl (Nr.26, 1957), Stutz (Künstler und königlicher Verwalter der Gemälde der Königin von England, seine Frau Kermikkünstlerin, Nr.41, 1956), Ferienhaus Erich Wunderli (Nr.39, 1955)

1978 verkauft Erich Wunderli sein Ferienhaus an Otto Baumann, der es 1980 erweitert und 1997 an Heinrich Meier weiter verkauft. Und nachdem an der Engelsteinstrasse 41 der königliche Verwalter Stutz 1991 stirbt, bewohnt Witwe Stutz bis zu ihrem Tod 2001 ihr Haus allein. 2001 wird es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Alte Engelsteinstrasse von Adetswil Richtung Bussental, 1961
PAB.LUF2.007
Erste Bauten am Aemet, darüber Alte Engelsteinstrasse von Adetswil (links) Richtung Bussental (oben), 1961
Die Erschliessung des Aemet von Westen her (Rietstrasse), 1962
PAB.AEM1.018
Die Erschliessung des Aemet von Westen her (Rietstrasse), 1962. Rechts Lehrerhaus von Planta (Rigistr. 21)

Lehrer und «Edelsozis»

Hans Altwegg, Lehrer

1934 kommt Hans Altwegg (1908-1982) als junger Sekundarlehrer nach Bäretswil und unterrichtet bis zu seiner Pensionierung 1972 Sprache und Geschichte (Phil-I-er). Daneben engagiert er sich unermüdlich in Verkehrsverein, Kirchenpflege, Kirchenchor, Männerchor und so manchem Dorffest. 1949 baut er sich an der Aemetstrasse 5 sein Haus.
Um 1950 lebten nun unten am Aemet neben Altwegg die Familie des Textilfachmeisters und Schützen Josef Baumgartner, die Witfrau von Drechsler Fehr, der Gemeindeschreiber Werner Pfenninger, im kath. Pfarrhaus der belesene Prof. Dr. Emil Spiess und auf der untern Seite der Adetswilerstrasse der landwirtschaftliche Hof der Familie Kunz.
1962 baut oberhalb Lehrer Altwegg sein Mathi Lehrer-Pendant Dominik von Planta (Phil-II-er) an der Rigistrasse 21 sein neues Haus.
Damit ist der Reigen eröffnet. Das «Bergdorf» Bäretswil zahlt tiefere Lehrerlöhne als die Stadt und hat das Problem, dass Junglehrer immer wieder wegziehen. Um die Lehrer sesshaft zu machen, beschliesst die Schulgemeinde 1964, Lehrer-Häuser am Aemet zu bauen, so auch das an der Rigistrasse von Jörg Albrecht, dem Gründer des Dia-Archivs.

Helene Kaiser, Schulpräsidentin

Die frische Luft und sonnige Lage zieht auch Stadtzürcher an. 1964 baut sich das Ehepaar Schober vom Café Schober[2] im Zürcher Niederdörfli, im 14. Jahrhundert Sitz der Ritter und Bürgermeister Manesse und Blaarer, an der Glärnischstrasse 25 ein Haus. Als dann Theodor Schober 1975 starb, zog Frau Schober in die untere Einliegerwohnung und verkaufte das Haus an das befreundete Ehepaar Helene und Edwin Kaiser, sie: Mitbegründerin der Suppenküche in Zürich und erste Oberstufenschulpflege-Präsidentin in Bäretswil und er: Professor für Pädagogik in Fribourg und Begründer des 10. Schuljahres (Berufswahljahr) in Zürich. Und sie alle befreundet mit Fernsehdirektor Guido Frei (1921-2010), der mit seiner Familie 1967 zuoberst an den Aemet zog, an die Tödistrasse 42. Und wie sie gekommen waren, verliessen sie Bäretswil wieder Richtung Stadt, nachdem sie genug Sonne getankt hatten, und machten jungen Familien Platz[3].

Die Verschmelzung von Bäretswil und Adetswil

Innert 60 Jahren wachsen Bäretswil und Adetswil vollständig zusammen. Anhand der «Zeitreise» von Swisstopo lässt sich nachverfolgen, wie nach dem Aemet sukzessive der Engelstein, der Letten, Frohwies und Stapfeten und in den 2020er Jahren schliesslich mit dem Zelgli das ganze Gebiet vollständig überbaut wurde. Und hier wurde ein neues Primarschulhaus (1967), ein Sekundarschulhaus (1975) und die kath. Kirche (1990) gebaut.

Einzelnachweise

[1]Paul Kläui: Chronik Bezirk Hinwil. Verlag H.A. Bosch, Zürich 1944, Digitalauszug S.23
[2]Schober: Geschichte der Konditorei. 30.06.2021, Conditorei Café Schober
[3]PB: Glärnischstr. 25. 2020, Stammbaum

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