Brandenberger Heinrich

Weber und Poet, von Adetswil (1826-1882)

  • Heinrich Brandenberger (4.12.1826 – 1.8.1982), geboren und gestorben in Adetswil. Sein Vater Jakob war Pfeifer im schweizerischen Militär und Tambour in französischen Diensten, seit den 1840er Tücherfabrikant.
  • 1838 beginnt mit 12 Jahren mit der Handweberei und liest verschiedenste Bücher, die er „aufgabeln konnte“.
  • 1847 Feuersbrunst zerstört halb Adetswil und sein Elternhaus. Sein Vater wandert nach Zürich Oberstrass aus.
  • 1847 beginnt Lehre in der mech. Weberei Honegger in der Joweid Rüti, zum „Fabrikarbeiter gestempelt“
  • 1849 arbeitet er in Jacquardweberei in Horgen und heiratet Susanna Bollier, die er nach 2 Jahren verliert
  • 1854 tritt er in die mech. Weberei von Oberholzer und Spöri in Diezikon bei Wald und beginnt zu dichten.
    Die Freiheit war in diesem Geschäfte noch nicht getötet, die Herren waren seelengut und sprachen ohne Stolz mit ihren Untergebenen(Notizen H.1).
  • 1855 zieht er zur Weberei Pfungen und wohnt in Neftenbach bei Alt-Gemeindeammann Leimbacher.
  • 1855 heiratet er Salome Frey, uneheliche Tochter eines Ratsherrn aus Glattfelden und zieht mit ihr zur Weberei Wyden-Bauma von Kantonsrat Kägi
  • 1857 wird er wegen eines Spottgedichtes entlassen und geht wieder zu Oberholzer/Spöri in Diezikon, Wald.
  • 1858 ziehen sie zur Weberei Lorze bei Zug – wieder nach Diezikon, Wald. Hier bekommen sie einen Knaben Alfred.
  • 1859 wieder Lorze bei Zug (Gedicht Zuger-Ländli )
  • 1860 in die mech. Weberei Bühler und Söhne in Pfungen bei Winterthur. „Das war die gute, alte Dichterzeit für mich“. Hier wird er «Poet Brandenberger».
  • 1864 ziehen sie nach 4 glücklichen Jahren in Pfungen wieder nach Wald in die mech. Weberei Honegger, Fischer & Cie. auf der Kühweid.
  • 1865 aus ökonomischen Gründen wieder nach Pfungen zu Bühler und Söhne. Firma verspekuliert sich.
  • 1866 ziehen sie in die mech. Weberei Boller in Dietikon.
  • 1867 Gedicht zur neuen, fensterlosen Fabrik. Geburt des zweiten Sohnes Albert. Prof. Schneider wird sein Götti.
  • 1867 ca. Beginn seiner Aufzeichnungen «Allerlei Notizen ...»
  • 1868 ziehen wieder zu Spörry und Reymann nach Laupen bei Wald. Das war mir Wohl wie einem Gefangenen, der nach langjähriger Haft (fensterlose Fabrik in Dietikon) die Freiheit wieder geniessen kann.“
  • 1869 wechseln sie zur Weberei Ryffel in Glattfelden (Heimatort seiner Frau Salome). „Die zweite Heimat fühlte ich in Glattfelden“. Mitbegründer eines Grütli-Vereins. In der NZZ liesst er vom Schützenfest in Zug. Der Oberrichter Dr. Schnyder spendet ihm 10 Fr, damit er am Feste teilnehmen kann.
  • 1869 «Der Schauplatz vom eidgen. Schützenfest 1869 in Zug »
  • 1869-73 «Heitere Stunden eines Fabrikarbeiters»
  • 1870 Wasserarmes Jahr. Er sucht Arbeit mit Dampf- und Wasserkraft betriebenen Maschinen und findet sie in der Weberei Brunner und Lätsch in Gyrenbad. Produktionsrückgang wegen Deutsch/Französischem Krieg.
  • 1870 wechseln sie zur Kindenmanns Mühle der Witwe Homberger in Gossau, mussten aber in Haus und Weberei stark frieren.
  • 1871 treten sie in die Weberei Hotz in Tobel-Wald. Gedicht zum
    «Schützenfest in Wald» im „Volksblatt vom Bachtel“.
  • 1872 machten sie „einen Versuch“ in die mech. Weberei Hagedorn, Kt. Zug. „Ach warum denn au alleweil umenand zieh? D’Antwort isch eifach die, d’Schulde heni müesse von eim Nagel a der ander hänke.“ – Höhepunkt der ökonomischen Notlage.
  • 1872 wandern ins Grossherzogthum Baden aus, nach Thiengen bei Waldshut. „Ich fand Arbeit und warme, unvergesslich wohlwollende Aufnahme bei Hrn. Kaspar Honegger aus Rüti, Kt. Zürich“. Gedicht Thiengen.
  • 1874 ziehen nach anderthalb Jahren weiter nach Reutlingen im Württembergischen (Herren Gminder)
  • 1878 ziehen nach viereinhalb Jahren nach Augsburg.
  • 1878-81 «Allerlei Notizen aus meinem dreiunddreissigjährigen Fabrikleben »
  • 1882 stirbt Heinrich Brandenberger in Bäretswil
Adetswil, Poststempel 13.8.1900

Im Jahre 1949 schrieb unser Zürcher Oberländer Dichter Rudolf Kägi in Tann-Rüti ZH im «Freisinnigen», Wetzikon, einen überaus lesenswerten Artikel über Heinrich Brandenberger, betitelt «Oberländer von anno dazumal». Er schildere diesen unstet von einem Ort zum andern ziehenden, ja oft gejagten originellen Zürcher Oberländer in treffender Weise. Wir haben uns liebend gern allerhand von diesem «Wandervogel» zu Gemüte geführt und lassen nachstehend mancherlei «Irrfahrten» und «Streiche» Heiri Brandenbergers Revue passieren, uns an die Reminiszenzen des genannten Artikels haltend.

Heinrich Brandenberger war eine aussergewöhnliche «Persönlichkeit», die der Originalität nicht entbehrte. Einer aus jenem kleinen Kreise der im 19. Jahrhundert die Laute des heimatlichen Lobgesanges schlug, einer aus der Dichtergruppe um Jakob Stutz[1] von Isikon-Hittnau ZH, den Brüdern Senn aus dem Tösstal ZH und Jakob Messikommer, Robenhausen-Wetzikon ZH. Obschon Heinrich Brandenberger, wie G. Peterhans-Bianzano, Winterthur, in seinem prächtigen Buch «Ins Zürcher Oberland» erzählt, zwar schon mit 12 Jahren hart an die Arbeit am Handwebstuhl gebunden gewesen war, so suchte er mit Leidenschaft seinen Wissenshunger auf alle Art und Weise und mit jeder Lektüre zu stillen. Er las alles, was ihm in die Hände kam, aber Webstuhl und Verseschmiede vertrugen sich nicht gut. Ins Baumwolltuch schlich sich beim Spintisieren manches «Nest», ins Gedicht manch‘ schriller Ton. Die bis zu 14 Stunden ansteigende Arbeitszeit lähmte den Gedankenflug. Schon nach zwei Jahren starb seine erste Frau und dieser Schlag war es wohl, der ihn auf eine unstete Wanderschaft warf. Mit seiner zweiten Frau zog er 1855 nach der Weberei Wyden-Bauma ZH. Ein harmloses Spottgedicht auf eine Busse von 20 Rappen (!) trieb ihn nach kurzer Zeit fort. Es ging von einem Ort, von einem Arbeitsplatz zum andern. Eine vierjährige «Ruhepause» gab es nur in der Weberei Pfungen ZH. Dort gab es, wie er berichtet, einen geordneten Betrieb, und er konnte dem «Grillenfang» oft obliegen! «Das war noch die gute alte Dichterzeit für mich», sagte er. Dann gings wieder von Weberei zu Weberei, landauf, landab! «Ach worum dann au alliwil umenandzieh? D’Antwort ischt schüüli eifach: D’Schulde hä-n-i müesse vo eim Nagel an andere hänke!»

Die Wanderschaft ging weiter. Ein unzeitiger Gesang und äusserste Not trieben den geplagten «Weber und Poet» über die Grenze ins Badische. Aber schon nach anderthalb Jahren setzte er seine Irrfahrten weiter nach dem Württembergischen, allwo er viereinhalb Jahre «Sitzleder» hatte, um dann nach Augsburg überzusiedeln. Unstet zog er mit seiner Familie weiter von Ort zu Ort und wieder zurück in die Heimat. Heimweh und Todesahnung trieben den so originellen, poetisch veranlagten Heiri Brandenberger in sein Heimatdorf Bäretswil im Zürcher Oberland zurück, wo er am 1. August 1882 seine letzte Reise antrag, nach jenen Gefilden, wo es keine rasselnden Webmaschinen, keine Bussen und keine drückenden Schulden mehr gibt – Heinrich Brandenberger ist ein knorriges wildes Schoss im ehemaligen Zürcher Oberländer Dichterwald.

Seine Sammlung «Heitere Stunden eines Fabrikarbeiters», welche sechs Auflagen erlebte und seine Lebensgeschichte «Allerlei Notizen aus meinem dreissigjährigen Fabrikleben» wurden immer gerne gelesen, ebenso seine vielen Gelegenheitsgedichte auf losen Blättern, die durch die Fabriken und Wirtschaften flatterten. Seine Dichtungen können allerdings keinen Anspruch auf Gedankentiefe oder formvollendete Kunstprodukte machen, die sehr geringe Schulbildung, die tägliche Fabrikfron und die ständigen Nahrungssorgen liessen seine unzweifelhaft poetische Begabung nicht zur vollen Entfaltung kommen. Seine Gedichte gleichen, wie Rudolf Kägi schreibt «wilden Heckenrosen mit rauhen Blättern und stacheligen Stielen»!.

Ernst Küng, Menschen-Originale vergangener Zeiten, Wädenswil 1957, S.106-108

Wie der Autodidakt Brandenberger «Poet» wurde

Die Notwendigkeit, ständig hinter seinen Schulden nachrennen zu müssen, verunmöglichten Brandenberger eine gute Bildung. Was ihn aber nicht davon abhielt, sich darum zu bemühen und die kleinen Erfolge zu geniessen. Sein zweiter Aufenthalt in der Weberei Pfungen gab ihm auch wieder mehr Zeit zum Dichten. 1860 verfasste er ein Gedicht über den sauren Wein des Jahres.

Der Tit. Redaktion der „Wochen-Zeitung“ in Bülach sandte ich dann obige Verse zur gefälligen Aufnahme in das Unterhaltungsblatt „Heimat und Fremde“. Vierzehn Tage später erschien in benannter „Wochenzeitung“ unter der Rubrik „Bülach“ folgende Bemerkung:

„OFFENE KORRESPONDENZ. Möchte doch unser Freund «Poet Brandenberger» in Pfungen uns noch einmal seine eingesandten Verse einsenden, indem dieselben beim letzten Brandunglück in Bülach leider verbrannten.“

Himmel! Wie bekam ich rothe Backen durch solche offene Aufforderung in der Zeitung, und das Wort «Poet» , welches mir dazumal noch völlig fremd war, suchte ich mir durch ein Fremdwörterbuch, welches ich mir bald anschaffte, zu erklären, und die Erklärung des Wortes Poet, welches auf Deutsch „Dichter“ heisst, benutzte ich dann später zur Unterschrift meines Namens: Heinrich Brandenberger, Weber und Poet.

Das Lied vom sauren 1860er Wein erschien mit dem ersten Unterhaltungsblatte im November 1860, und die heiteren Seelen hatten ihre Freude daran.

Allerlei Notizen aus meinem dreissigjährigen Fabrikleben, Heft 2, S.5

Ein ehemaliger Schullehrer bot ihm ein Buch zur „regelrechten Lehre der Dicht-Kunst“ an:

Die Eintheilung der Versfüsse in Jamben, Anapäst oder wie die Schnöggen alle heissen, die man zur Verwendung der Verse, d.h. zur Formirung derselben anwendet, war für Unserein ganz werthlos.
Die Versmasse meiner sämmtlichen besseren Gedichte, die ich bis heute fabrizirte, tragen meist den Rythmus oder die Taktart verschiedener Volkslieder …

Der Brandenberger, mit einem feinen Musik-Gehör von Natur begabt, wird von dem Gehörten gepackt, d.h. mein musikalisches Gehör kann die lieblich gespielte Melodie nicht mehr vergessen, und nun bemühe ich mich, der gehörten Melodie als „Dichter“ andere Worte zu verleihen.

(Und es folgt aus dem Mund des von Geldnöten geplagten Dichters seine Sicht vom Sozialismus:)

Viel Lüt händ Geld im Ueberfluss,
Viel Lüt händ gar e keis;
Jetzt chunt de Sozialismus
Und fasst in Chopf de komisch B’schluss,
S’mües anderst cho im Chreis;
Das Kapital
J Berg und Thal
Wott er verebne überall;
Jezt häd de Rych,
Wo sorgt für sich,
De Fözel uf-em Strich.

… Aber nutzlos ist auch alle Dichterei, wenn der Text Inhalt kernlos ist und das Gemüth nicht anzusprechen vermag.

Allerlei Notizen aus meinem dreissigjährigen Fabrikleben, Heft 2, S.20ff

Und unerwartet kommt Brandenberger „auf ein anderes Thema, welches von der weiteren oder höheren Stufe meines geistigen Strebens, Forschens und Denkens einigen Aufschluss gibt„, zu sprechen Er outet sich der freidenkerischen Religions-Anschauung. Dies nach Gesprächen mit dem Landboten-Redaktor Bleuler-Hausheer, der ihm Werke von Theodore Parker zu lesen gab, und dem Neftenbacher Pfarrer Kübler, der ihn in der „sogenannten Christenlehre“ in die Ansichten von Strauss einführte. «Das Leben Jesu», dargestellt von Pfarrer Vögeli, seiner Zeit in Uster, jetzt Professor an der Hochschule in Zürich, sowie verschiedene freidenkende Schriftsteller erleuchteten mich vollkommen mit ihren Schriften über Jesus von Nazareth.
Ein anderes Buch die «Versöhnung des Glaubens mit der Wissenschaft», nämlich achtzehn Vorlesungen, gehalten vor dem Bildungs-Verein in Zürich1854, von Franz Ammann.
O! Dieses Buch vermochte mich ganz und gar aus der Finsternis ans offene Licht zu bringen, und ich freue mich unendlich über den Sieg der unzähligen Kämpfe, die unserein mit den alten kirchlichen Glaubenssätzen zu streiten hatte, aus dem Zweifel erlöst zu sein.

Brandenberger ist kein Klassenkämpfer. Er pflegte zu mehreren Fabrikherren, seinen «Prinzipalen», ein gutes und oft lobendes Verhältnis. Verärgert hat ihn, den Naturliebhaber, dann aber eine neue Fabrik in Dietikon 1867, die in „englischer Fabrik-Bauart“ fensterlos errichtet wurde und nur von oben Dachlicht erhält:

Sid anderhalb Johre bin ich jezt da unde
Und hä mit de Myne mis Uskume gfunde;
De Herr und de Zangger und Bsoldig ist recht,
Doch hopperets nei-me – wo hopperets ächt?

Wo’s hopperet will i Eu offe erchläre,
s’Ist Ussicht uff d’Schöpfig, mir müend sie etbähre,
Es thut mer für mich und für Andere weh
Dem Prinzipal Boller si Weber-Arch z’gseh.

So oft ich die Budik so näher betrachte,
Denn denki: Du Bsitzer, du thuest is nüüt achte,
Sust hättist du ja nüd nebst Luxus und Pracht,
Für Euserein grad so ne J-richtig gmacht.

Das git mer der Alass recht bsunders zum denke,
Wie d’Herrschaft em Völchli s’guet Recht will beschränke.
Was worez ächt säge dene Herre ihr Fraue,
Wenns au nüme dörfted d’Naur e chli gschaue?

Mir sind e Mol Schwyzer und Republikaner
Und Eus halted d’Herre wies schynt für „J-aner“;
Ist’s recht, wenn es Völchli wo d’Herre ernährt,
Wemmers gsetzli i so ne Baraage-n-i sperrt?

O Züri! o Züri! du Stern aller Freie
Lass bitti kei derig Fabrike meh zweihe,
Denn derigi Hüser vo so e-me Schnitt
Das mahnet a d’Vögt und a d’Freiherre Zyt!

Allerlei Notizen, Heft 3, S.9f


«Der Schauplatz vom eidgen. Schützenfest 1869 in Zug»

Schützenfeste hatten im Spätmittelalter grosse Tradition, verschwanden aber 1798 mit der Helvetik. 1824 wurde die Tradition fortgesetzt und erreichte 1849, dem ersten eidgenössischen Schützenfest nach der Gründung des Bundesstaates, in Aarau einen Höhepunkt. Gottfried Keller hat diesen Anlass mit dem «Fähnlein der sieben Aufrechten» 1860 ein Denkmal gesetzt.

Kannte Brandenberger das «Fähnlein»? Sicher hat er davon gehört. Auch er berichtet, von seinem Schützenfest, dem von 1869 in Zug. Sein Werk schrieb er in Gedichtform im Oberländer Dialekt:

De Heiri chunt vom Schützefest
Und häd de Chopf voll Gschichte;
Er meint: es wär grad ’s Allerbest,
Das Völchli d’rüber z’brichte.


Nu churz und guet, die Festlichkeit,
J g’stohnes frei und offe,
Die häd, es hend’s viel Hundert g’sait:
Nu Alles übertroffe!

Brandenberger nennt sein Werk «Ein heiteres Gemälde» und erinnert damit an Jakob Stutz, der seine Frühwerke – wie «Der Brand von Uster» – ebenfalls als «Gemälde aus dem Volksleben nach der Natur aufgenommen und treu dargestellt in gereimten Gesprächen Zürcherischer Mundart» bezeichnet. Das lässt darauf schliessen, dass Brandenberger von Stutz hörte oder gar Werke von ihm las. (Gemäss Ernst Küng gehörte Brandenberger zur Dichtergruppe um Stutz, die sich 1847-1852 in der «Jakobszelle» auf der Matt beim Sternenberg traf. In seinen Notizen (1-4) erwähnt er dies aber nicht und Küng liefert keinen Beleg für seine Aussage.)

«Heitere Stunden eines Fabrikarbeiters»

Es ist das wohl bekannteste Werk von Brandenberger, das für ihn auch typisch ist.
Er publizierte es zwischen 1869-1873 als vier Hefte teils in Mundart, teils in Schriftsprache. Trotz seines schuldengeplagten Lebens liebte er das Heitere.
Ein häufig zitiertes Gedicht ist:

De Buur und de Fabrikarbeiter
Wänn de Buur muess Mischt verträge
Und ich liecht mi Webschtuehl pfläge,
O dänn dank i jedes Mol:
Brandeberger, dir isch wohl!

Aber wänn de Buur cha suufe,
Und nu d’Sach cha näh vom Huufe,
O dänn dank i: Rüeblistrohl!
dene Buure isch es wohl!

Aber wänn de Buur muess schwitze …

oder:
Weberei-Gemälde
Hört Freunde! was ich singe, passt aber auf dabei,
Ich singe von der Leber,
Dieweil ich bin ein Weber, aus einer Weberei.

Zwei Stühle hat der Weber, an vielen Orten drei,
Und die muss er spedieren
Dass er kann existieren; recht flink geht es dabei.

Stets Obacht gibt das Auge, und dies ist ja nicht schwer
Man braucht sich nur zu drehen,
Dass ja nichts kann geschehen am grossen Fädenheer.

Gar lustig fliegt mechanisch das Schifflein her und hin;
Man kann sich oft ergötzen,
Ja etwa auch sich setzen, bis ausgeht das Bobin.

Doch jedem Stand auf Erden gesellt sich auch die Last;
Selbst dieses Lied’s Verfasser,
Der Weben tut am Wasser, find’t leider wenig Rast.

Unsauber sind die Zettel, der Fäden brechen viel;
Wie flink man sie auch flicket, und nicht zurück stets blicket,
Entsteht oft schlimmes Spiel!

Ein Webernest, ein grosses, zwei Schweizerzoll geviert,
Das hat sich bald genistet, was unserein entrüstet,
So oft es nur passiert.

Und dann wie steht der Weber? Meinst wohl ein wenig braus?
Ja ja, doch Leser wisse:
Schnell krabelt er die Schüsse des Nestes wieder ‚raus.

Von vielen Plagen eine, sei diese nur gezeigt:
Zu lange würd‘ es währen, die vielen zu erklären,
Wenn du nicht ganz geneigt.

Doch weiter will ich malen den Gang der Weberei;
Des Tages wohl zwölf Stunden, sind wir an’s Werk gebunden,
Die Mittagsstund ist frei.

Noch viele Fabrikanten die schaffen zehn und drei,
Wann kommt einst wohl die Kunde, dass die dreizehnte Stunde
– Im Kampf erlegen sei?!

P. Bischofberger, Juni 2022

Literatur

1 - A. Sierszyn, J. Albrecht: Bäretswil. Ein Heimatbuch. Hrsg. Pol. Gem. Bäretswil 2015, Inhaltsverz. S.255ff
2 - Ernst Kündig: Menschen-Originale vergangener Zeiten. 1957, Heinrich Brandenaberger, Weber und Poet, S.106-108
3 - Karin Marti-Weissenbach: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Version 13.12.2002, Heinrich Brandenberger
4 - Heinrich Brandenberger: Allerlei Notizen aus meinem dreissigjährigen Fabrikleben . Aus: Flausen, A.Messerli 1984 1878-81, Notizen, Heft 1
5 - Heinrich Brandenberger: Allerlei Notizen aus meinem dreiunddreissigjährigen Fabrikleben . Wald / Wetzikon 1878-81, Notizen, Heft (1)-3
6 - Heinrich Brandenberger: Allerlei Notizen aus meinem dreiunddreissigjährigen Fabrikleben . Utzinger, Wald 1881, Notizen, Heft 4
7 - Heinrich Brandenberger: Heitere Stunden eines Fabrikarbeiters. Wirz, Grüningen 1904, 1. Heft
8 - Heinrich Brandenberger: Der Schauplatz vom eidgen. Schützenfest 1869 in Zug . 1869, Ein heiteres Gemälde

Einzelnachweise

[1]Anm. , wirklich??? Ich (P. Bischofberger) habe bisher (Juni 2022) keinen Beleg dafür gefunden. (Der Dichterbund um Jakob Stutz dauerte von 1847-1852) Es kann angenommen werden, dass Brandenberger Werke von Stutz kannte, ohne aber zum Dichterkreis zu gehören.)

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