Geschichte der Sagi Stockrüti

Halbwegs zwischen dem Dorf Bäretswil und dem Allmann, einer vom Bachtel nordwärts ziehenden Hügelkette, liegen auf einer teilweise versumpften Hangterrasse der Hof Stockrüti und seine Säge. Ein Riedbächlein speist einen kleinen Weiher, in dem das Wasser für den Antrieb des Wasserrades der Sägerei gespeichert wird. Ein Schilfgürtel säumt den Wasserspiegel.
Talseits des Weihers liegt heute eine moderne Sägerei mit einem enormen Rohholzlager, das der Bearbeitung harrt. Bis 1979 stand an Stelle dieser neuen Sägerei eine kleine alte Säge, deren Wasserrad vom Wasser des Weihers in Gang gesetzt wurde. Eine alte Gattersäge, eine später daneben erstellte elektrische Vollgattersäge und eine Wagenfräse waren nebst einigen Zusatzgeräten die maschinelle Einrichtung. Damit wurde fast hundert Jahre lang Holz bearbeitet. Fünf Generationen der Sägerfamilie Egli hatten dadurch ihr Auskommen.

Alte Sagi Stockrüti
Alte Sagi Stockrüti

Die Sägerei in der Stockrüti wurde 1879 bis 1881 im Eigenbau erstellt. 1881 erteilte der Regierungsrat des Kantons Zürich Jakob Egli ein Wasserrecht für den Betrieb einer Sägerei in der Stockrüti. Im selben Jahr findet sich im Lagerbuch der Gebäudeversicherung in der Gemeinde Bäretswil unter Nr. 24, Wappenswil folgender Eintrag:
«1 Sägereigebäude mit Ketthaus 18 gemauert, 78 Holzbau, Ziegeldach, Wert Fr. 2000. 1 Wasserrad mit Wellbaum und Kolben. Freistehend, neu erbaut, vollendet Wert Fr. 800. Die Sägewerke, kleineren Getriebe und übrigen mechanischen Einrichtungen sind nicht (in der Versicherung) inbegriffen.»
1887, im neuen Lagerbuch der Gebäudeversicherung , sind die Einträge etwas ausführlicher:
«Nr. 195 Stockrüti. 1 Sägereigebäude mit Ketthaus 18 gemauert, 78 Holzbau, Ziegeldach. Inhalt 188 m3. Wert Fr. 2000.1 Wasserrad mit Wellbaum und Kolben v. Holz u. Eisen. Wert Fr. 400.»
1901 lautet der Eintrag im Lagerbuch fast gleich, mit Ausnahme des Kubikmeterinhalts (230 m) und des versicherten Wertes (Fr. 2600). Diese bescheidene Vergrös serung der Kubatur des Gebäudes lässt vermuten, dass damals die Sägerstube über dem Ketthaus angebaut wurde.
1908 wurde wieder ein neues Lagerbuch angefangen. Nun figuriert die Säge unter der neuen Nummer 162 Stockrüti: «1 Sägereigebäude 1 T. gemauert, 7 T. Holz, Ziegel. 237 m3. Wert Fr. 3500. 1 Ketthausanbau, gemauert, Ziegeldach, 44 m3. Wert Fr. 400. 1 oberschlächtiges Wasserrad v. Holz mit eisernem Wellbaum und Kammrad von Eisen. Wert Fr. 600.»
Nach dem Kubaturzuwachs zu schliessen (51 m3) wurde wahrscheinlich die sogenannte alte Schleiferei im hinteren Teil der Säge angebaut und darin die noch heute erhaltene Sägeblattschleifmaschine installiert. 1920 steigt infolge (nicht genau bestimmbar) der versicherte Wert von 4500 auf 6000 Franken an.

Wasserrad

Unter dem Grossvater des heutigen Besitzers wurde 1932 ein fast 512 m hohes, eisernes, oberschlächtiges, rückwärtslaufendes Wasserrad und ein neues Getriebe eingebaut. Das Wasserrad hatte vorher in Beggingen (SH) eine Mühle angetrieben.

Wagnerwerkstatt

Gleichzeitig wurden über dem Ketthaus eine Schärferei und eine kleine Wagnerwerkstatt eingerichtet. Auf der grossen Drehbank, konnte man zur Not sogar Metall drehen.

Getriebe der Säge

Das mit Occasionsmaterial neu gebaute Getriebe besteht aus zwei mit Holzzähnen bestückten, gusseisernen Kammrädern. Beide haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Das zweistufige Riemenvorgelege setzt die Drehzahl des Wasserrades von ca. 6 Umdrehungen / Min. auf über 200 Hübe / Min. des Sägegatters hinauf.

Transmissionsriemen für den Antrieb der Säge

Vom Riemenvorgelege aus gingen weitere Transmissionsriemen ins Obergeschoss, wo die Wagenfräse und eine Bandsäge an getrieben wurden. Die alte Schärfemaschine samt Ventilator wurde ebenfalls vom Wasser rad in Gang gesetzt. Sie stand in der hinter dem Keller angebauten kleinen Schmiede. Die neue Schärferei und die Drehbank in der in den dreissiger Jahren eingerichteten Wag nerei wurden mit Einzelmotoren elektrisch an getrieben.

Parallel zur alten Säge wurde gleichzeitig eine gusseiserne Vollgattersäge montiert.
Parallel zur alten Säge wurde gleichzeitig eine gusseiserne Vollgattersäge montiert.

Nun reichten weder die vorhandene Wassermenge noch die sechs bis sieben Pferdestärken des Wasserrades aus, um diese Vollgattersäge zu bewegen. Ein grosser 12 PS Elektromotor musste angeschafft werden, um über zusätzliche Energie zu verfügen.

Seit fünf Generationen Säger

Die Sägerfamilie Egli um 1915
Die Sägerfamilie Egli um 1915

Von rechts:
Die Witwe von Jakob Egli I, dem Erbauer der Säge
Die Ehefrau von Jakob Egli II
Jakob Egli Il mit Schürze und Kappe
Die Frau von Jakob Egli III mit ihrer 1915 geborenen Tochter auf dem Arm
Jakob Egli III, der Säger und Wagner mit silbernem Backpfiiffli Arbeiter in der Säge

Die vierte Generation: Otto Egli, der die Säge bis 1969 betrieb und leider 52 jährig starb.

Die fünfte Generation: Peter Egli, der den Betrieb 1978 von seinem Grossvater übernahm und die neue, moderne Säge bauen liess.

Die Alte Säge in der Stockrüti

Die alte Säge in der Stockrüti war genau hundert Jahre alt, als sie einem Neubau Platz machen musste. Die rasante Entwicklung der mechanischen Holzbearbeitung erforderte gebieterisch den Ersatz der unrentabel gewordenen Gattersäge durch eine halbautomatisch arbeitende moderne Vollgattersäge.

Wenn die fünfte Generation der seit hundert Jahren als Säger tätigen Familie weiter betreiben wollte, musste der Schritt in eine neue Ära getan werden. Die Egli’s haben ihre Säge stets nach Möglichkeit à jour gehalten und sie immer wieder erweitert und verbessert. Dem eisernen Wasserrad aus Beggingen’s Mühle gingen zwei hölzerne voraus. Die Einrichtung einer Schmiede und einer Wagnerei als Nebenbetriebe zeugen von zähem Willen, den Betrieb durchzuhalten und weiterzukommen.

1818 wurde Jakob Egli I, der Stammvater der Sägerfamilie, in der Stockrüti geboren. 1879 bis 1881 erbaute er die Sägerei und erhielt dafür das Wasserrecht vom Regierungsrat des Kantons Zürich. Er starb sechs Jahre nach der Inbetriebnahme.
Nach ihm übernahm sein 1863 geborener Sohn Jakob II die Säge. Er lebte bis 1934.
Sein Sohn Jakob III wurde 1892 geboren und erlernte das Wagnerhandwerk. Er fügte der Sägerei eine Wagnerwerkstatt mit Drehbank an. Er starb 1978. Otto Egli, der Vater des heutigen Besitzers, wurde 1917 geboren und schied 1969 viel zu früh von dieser Welt.
Peter, als Vertreter der fünften Generation, ist 1953 geboren und leitet heute mit Umsicht und Einsatz den modernisierten Betrieb.

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Literatur

1 - Alfred Casserini, Jörg Albrecht: Sagi Stockrüti. VEHI, Verein zur Erhaltung alter Handwerks- und Industrieanlagen 2015, Teil 3, Geschichte der Sagi Stockrüti

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