Guyer-Zeller Adolf

Adolf Guyer-Zeller (1839-1899)

Portrait von Adolf Guyer-Zeller (1839-1899) aus Bäretswil, dem Unternehmer im Industrieensemble und Eisenbahnkönig.
Adolf Guyer-Zeller

Mit Böllerschüssen wird am 1. Mai 1839 die Geburt von Adolf Gujer, dem Sohn von Rudolf und Anna Gujer-Wepf im Müetschbach, gefeiert. Die Primar- und Sekundarschule besucht der Knabe in Bauma, wo seine Grosseltern und sein Onkel Statthalter Heinrich Gujer die Mühle betreiben.

Durch seine Familie empfängt der junge Adolf dreierlei:
1. Einen tief in seiner Seele verwurzelten christlichen Glauben.
2. Eine durch und durch liberale Denk- und Handlungsweise. Sein Vater (Kantonsrat bis 1869) und sein Onkel, der Statthalter auf der Baumer Mühle, gehören zu den führenden liberal-konservativen Männern des Oberlandes. Der stämmige Onkel war der erste Hauptredner am berühmten Ustertag der Liberalen.
3. Gujers Familie und Familientradition vermitteln Adolf eine unbedingte Ehrfurcht vor der Bibel. In seinem Tagebuch hält der 23-Jährige fest: «Wo das Wort Gottes eine Heimat hat, … beten Mütter mit den Kindern zum Heiland und lesen wackere Väter aus der Heiligen Schrift vor». So erlebt er es im Elternhaus. Vater Rudolf Gujer liest jeden Tag nach dem Essen einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift.

Heinrich Gujer von Bauma war der Hauptredner am Ustertag 1830.

Diese tief gegründete Werthaltung verleiht auch dem jungen Gujer Zuversicht, echte Liberalität und Mut. Wo immer später seine linke Hand nicht weiss, was die Rechte tut, ist diese Komponente im Spiel. Guyer-Zellers Grosszügigkeit gegenüber unschuldig in Not Geratenen bleibt in Bäretswil und Bauma lange Zeit sprichwörtlich. Die Strasse südlich des neuen Bahnhofs von Wetzikon trägt seinen Namen. Der Bäretswiler Schützenverein organisiert bis heute alle zwei Jahre ein «Guyer-Zeller-Gedenkschiessen».

Nach der Industrieschule in Zürich und Studien der Nationalökonomie sowie der Kirchengeschichte in Genf gewähren ihm seine Eltern praktische Bildungsreisen bis nach Amerika, wo er das Grab Washingtons aufsucht. Am Vorabend des Sezessionskriegs zeigt sich seine kaufmännische Spürnase. Tonnenweise kauft er (noch) billige Baumwolle und lässt diese ins Neuthal spedieren. Der Vater ist zunächst erbost über die Spekulation des Sohnes, doch der Gewinn dieses Handels wirft kurze Zeit später ein Mehrfaches davon ab, was Guyers aufwändige Weltreise kostet.

Im Heiligen Land besucht er 1862 mit grösster Andacht die Stätten des Heilands, und in Ägypten verfolgt er den Bau des Suezkanals. Die Weltdimension dieses Baus mit den ersten Dampf-Baggermaschinen sagt ihm ausserordentlich zu. In seinem Tagebuch rechnet er vor, wie viele ägyptische Knechte, die das Erdreich noch mit Körben auf ihren Köpfen auf den Damm tragen, die modernen Maschinen ersetzen müssen, damit sie rentieren. Geschickt tastet sich Guyer vor bis zum ägyptischen Vizekönig sowie zu Ferdinand de Lesseps, dem französischen Konsul und Erbauer des Kanals. 30 Jahre später wird er selbst ein Unternehmen mit Weltformat im Eis des Berner Oberlandes in die Wege leiten – den Bau der Jungfraubahn.

Das erste grosse Geld macht sich Guyer-Zeller durch den kofferweisen Kauf wertloser Aktien der Gotthardbahn in den 1870er Jahren, da er auch in kritischer Stunde weitsichtig an die Vollendung dieser Transversale glaubt. So avanciert er später zum schweizerischen Eisenbahnkönig und mit eiserner Faust zum Chef der Schweizer Nordostbahn.

Auch die ausgeklügelten Wasseranlagen der 1870/80er Jahre im Neuthal sind das Werk seiner Planung. Beim Bau des oberen Weihers «vergisst» er den Bäretswiler Gemeinderat zu begrüssen und zahlt anschliessend eine Busse von 100 Franken aus der Portokasse. Den alten Müetschbach oder Müedsbach tauft er um ins weltläufigere Neuthal und gibt dem Ort mit seiner UeBB eine Bahnstation gleichen Namens. Auch seinen eigenen Familiennamen ändert er 1886 von Gujer zu Guyer-Zeller. Dies alles zeigt den weitgespannten Geist dieses wohl berühmtesten Oberländers. 1869 ehelicht er Anna Zeller aus einer angesehenen Zürcher Industriellen-Familie.

Als Zürcher Textilhändler und Financier schafft er sich im Neuthal eine Sommerresidenz. Weit herum bekannt sind die Guyer-Zeller-Wege, die er ab 1890 für seine Arbeiter und die Bevölkerung anlegen lässt. Zusammen mit Regierungsrat Stössel schenkt er den Schülern der Bäretswiler Sekundarschule eine dreitägige Reise aufs Rütli und nach Luzern. Manchem mittellosen Bauern der Gegend hilft er im Stillen aus der Patsche. Der jungen Feinweberin Barbara Egli aus dem Oberdorf will er spontan eine gesangliche Ausbildung finanzieren, nachdem er die Stimme des Mädchens bei einem Fest im «Bären» gehört hat, doch deren Mutter weiss die hohen Pläne zu vereiteln. Der Bäretswiler Schulgemeinde überweist er als Präsident der Baukommission einen Zustupf für das neue Sekundarschulhaus 1877. Etwa fünf Jahr zuvor stoppt er mit Ziegler Meyer von Adetswil eine Kirchgemeindeversammlung, der im Eifer des Fortschritts die Käsbisse des Kirchturms durch einen modernen Allerwelts-Hut ersetzen und die Turmuhr mit einem zusätzlichen Sekundenzeiger ausstatten will.

In den 1890er Jahren plant er den Bau eines neuen Schlosses auf dem Gryffenberg sowie eine Seilbahn vom Bussental auf den Neuthaler Hausberg. Bereits lässt er die ersten Fuder mit Bollensteinen auf den Berg führen. Pfarrer Julius Studer beauftragt er mit der Abfassung eines patriotischen Festspiels im geplanten Schlosshof. Die herumliegenden Steine dort oben stammen nicht von der alten Burg, es sind örtliche Zeugen von Guyer-Zellers romantischem Hochflug der Gedanken.

Als der unermüdliche Neuthaler am 3. April 1899 in Zürich kaum 60-jährig unerwartet einem Herzversagen erliegt, ist die Anteilahme vom Zürcher Oberland bis zum Eigergletscher gross. Guyers Pläne einer Orientbahn auf Normalspur von Chur über den Ofenpass nach Triest versanden; Graubünden baut seine rhätische Bahn auf Schmalspur. Sein Hauptwerk aber, die Jungfraubahn, wird schliesslich bis zum Jungfraujoch geführt (1912). Guyer-Zellers Hinterlassenschaft entspräche heute einem Milliarden-Vermögen. 1910 vermachen die Erben der Bäretswiler Kirchgemeinde für das Erholungshaus in Adetswil und für die Krankenpflege Fr 20’000.- Dieser Betrag entspricht damals dem Wert eines kleineren Bauernhofs. Als 1999 zur Jahrhundertfeier in Bauma Guyer-Zellers Grabmal restauriert wird, ist vom ganzen Erbe kaum noch etwas aufzutreiben. Sic transit gloria mundi – so vergeht der Glanz der Welt – pflegten schon die Römer zu sagen. Und Adolf Guyer-Zeller wusste das im tiefsten Grunde auch.

A. Sierszyn, 24.10.2020

Zu Guyer-Zeller-Wege: Heimatspiegel 1950 (J.J. Ess) und 1956 (Müller-Hitz)

Familiengrab von Adolf Guyer-Zeller, dem wohl berühmtesten Bäretswiler.
Familiengrab Guyer-Zeller

Literatur

1 - Armin Sierszyn: Tagebuch von Adolf Guyer-Zeller über seine Reise nach Ägypten und ins Heilige Land (1862). Spiegel seiner Persönlichkeit. Buchverlag Zürcher Oberland, Wetzikon 1993, ISBN 3-85981-167-3
2 - Doris Müller-Füglistaler: Adolf Guyer-Zeller (1839-1899). «Amerikanismus» in der Schweiz?. Zürich, Verlag Hans Rohr 1992, ISBN 10: 3858655074

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