Meier Walter

Walter Meier (1922-2012), Dichter und Poet in Wirzwil

Das Zürcher Oberland hat immer wieder Schriftsteller und Verse-Schmiede hervorgebracht. Der berühmteste unter ihnen ist der Hittnauer Dichter Jakob Stutz (1801-1877) von Isikon. Auch der Adetswiler Weber Heinrich Brandenberger gehört mit Jakob Messikommer und den Gebrüdern Senn aus dem Fischenthal zum Oberländer Dichterkreis. Brandenbergers humorvollen Gedichte in oft rauer, aber träfer und stacheliger Sprache wurden besonders vom Volk der Fabrikarbeiter fleissig gelesen. Der Blitterswiler Ruedi Kägi (1882-1959), Lehrer in Tann, schafft als Mundart-Autor eine Fülle von Erzählungen und Gedichten zum Zürcher Landleben des frühen 20. Jahrhunderts, zum Beispiel «De Flarzbueb» (1948).

Bauernhaus von Walter Meier in Wirzwil, 1985
Bauernhaus von Walter Meier in Wirzwil, 1985

In die Reihe der Oberländer Dichter-Persönlichkeiten gehört neben Hanni Bernhard (Bäretswil) auch unser Bergbauer Walter Meier aus Wirzwil bei Bettswil. Walter Meier wird am 16. Februar 1922 in Wirzwil geboren. Zusammen mit seinem älteren Bruder Alfred, dem späteren Kaufmann auf dem Bäretswiler «Güetli», darf Walter seine Kindheit in einer traditionell geordneten Bergbauernfamilie verbringen. Eltern, Grosseltern und Kinder leben zusammen im hübschen Kleinbauernhaus von 1786, das in einer kleinen, stillen Aue am Ufer des Wissenbachs liegt. Wie von selbst wachsen die Kinder in den bäuerlichen Jahresrhythmus hinein. Nach dem Besuch der Primarschule bei Lehrer Graf in Bettswil und der Sekundarschule in Bäretswil übernimmt Walter die Leitung des Hofes, als die Zeit dafür gekommen ist. Mit seiner Frau Erna, geb. Bunk, aus Schlesien gründet er in den 1950er Jahren eine Familie, der zwei Söhne und eine Tochter geschenkt werden. Schon damals, als noch niemand von Bio oder Öko spricht, führt Walter seinen bergbäuerlichen Hof mit ein paar Kühen und Geissen ganz selbstverständlich und bewusst im Einklang mit der Natur. Weil zum Heimet auch ein ordentliches Stück Wald gehört, bringt ihm die Pflege des Holzes zeitlebens einen gewissen Zusatzverdienst. Die schön geratenen und nicht zu kleinen «Chrisburdenen» aus Wirzwil finden bis 1960 gute Abnahme zum Heizen des Backofens von Beck Meier in Bettswil. Später finden sich andere Käufer für seine wohlgeordneten und säuberlich getrockneten Scheiter- oder «Chnebelbeigen».

Als in den 1980er Jahren das AHV-Alter heranrückt, beginnt Walter Teile seines Heimets zu verpachten. Anders als die meisten älteren Landwirte verpachtet er zuerst die einfacher zu bewirtschaftenden Flächen. Das steile Bord hinter dem Haus zettet und wendet er mit Erna noch lange Jahre selbst in hergebrachter Handarbeit. Es ist vermutlich die Empathie zu seinen geliebten Fluren, die verhindern will, dass hier im sensiblen Gelände mit schweren Maschinen darüber hinweggekarrt wird. Hier, am blumenreichen Hang, liegen wohl auch seine liebsten Matten.  

Walter und Erna Meier, 2001
Walter und Erna Meier, 2001

«Einfachheit, Kleinheit, Bescheidenheit, Zufriedenheit – Geld, Macht, Grösse, Ruhm – wo liegt die Entscheidung für den Seelenfrieden?», fragt er in einer seiner Schriften. Der technisch-aggressive Zeitgeist findet für derlei Fragen kein Verständnis. Auch für Walter bedeutet seine Berufung zum tieferen Fragen des Poeten nach dem Wesen der Dinge ein Stück Einsamkeit und Leiden, aber auch Befreiung und Weite, die der Trott des Alltags nicht zu sehen und zu erkennen vermag. Walter Meiers Lebensart wird von etlichen, die sich als zeitgemäss und fortschrittlich verstehen, als eigenartig oder altmodisch taxiert.

Als ihn in den 1980er Jahren zunehmend pektanginöse Beschwerden plagen und er zuletzt kaum noch zu angemessenen Schritten fähig ist, tut er sich schwer mit dem Entscheid, sich – wie damals noch üblich – am offenen Herzen operieren zu lassen. Umso grösser ist dann die Freude nach der gelungenen Operation, die ihm eine neue Lebensspanne schenkt.

Walter Meier entdeckt seine dichterische Begabung schon in jungen Jahren. Bei bedächtigeren Arbeiten auf den Fluren wie Mist zetten oder Holz hacken fernab von jedem Verkehr findet er Zeit und Raum, poetischen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ein kleines Nebenstübli im Bauernhaus ermöglicht ihm die nötigen Stunden der Stille, erste Verse abzufassen. Nach Jahren des Selbststudiums schafft er 1952 einen ersten Durchbruch. In verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Kalendern erscheinen im Lauf der Jahre Dutzende Kurzgeschichten, Gedichte und Kurzprosa. Zum ersten Bettswilertag im Jahr 1959 verfasst er das Bettswilerlied zu den vier Jahreszeiten. «Meine Feder gleitet nicht leichthin übers Papier; überlegt führe ich sie», schreibt er noch mit 77 Jahren. Er bleibt bei seinen Gedichten und Kurzgeschichten in Poesie und Prosa. Mit dem Leben wachsen Form, Gestalt und Horizont bis hin zum vollendeten Spätwerk «Auf Lebensspuren» im Jahr 2010, das im Verlag «edition Fischer» in Frankfurt erscheint und von der Familien-Vontobel-Stiftung unterstützt wird.

Sein 113 Seiten umfassendes Werk «LIEBE ZUM LEBEN UND NATUR» im Jahre 1999 fasst im Titel die Mitte seines dichterischen Anliegens zusammen. Er schreibt: «Ich habe in einer meiner Waldparzellen Holz geschlagen und nun, da die Dämmerung naht, trete ich den Heimweg an. Ich stapfe mit schweren Schritten durch den tiefen Schnee. Meine Augen wandern an den tief verschneiten Bäumen empor und finden den tiefblauen Himmel.  Der rote Sonnenball ist am fernen Horizont versunken. Kahle Laubbäume und hohe Tannen mit von der Schneelast tief herabhängenden Ästen stehen weit in der Runde… Diese Bäume kenne ich von früher Kindheit an … In dieser Stille ist mir, als höre ich das Herz des Waldes schlagen… Die Dämmerung wandelt sich rasch ins Dunkel der Nacht. Die Geräusche des Tages sind verstummt…»

«Ich liebe die kleinen Dinge: eine Blüte am Baum oder an einem Strauch, eine Blume im Feld oder im Garten, eine kleine rosa Wolke am Himmel, einen hübschen Stein auf dem Weg. Alles sind wahre Wunder für mich.»  

Walter Meiers Werk verliert sich aber nicht in schwärmerischer Romantik oder idealistischer Naturmystik. Als voll im Leben stehender Bergbauer weiss er nur zu gut: «Zwischen Wiege und Bahre stehen nicht nur Rosen am Wegrand… Leben ist Not, Leben ist Kampf, Leben ist Lust, Leben endet im Leid. So ist der Gang, das Werden, Wirken und Verwelken. Licht und Schatten, Freud und Leid gaben und geben sich die Hand, bis unser Leben verrauscht… Wer wird sich einmal unserer Lebenszeit erinnern?! Daher – nehmen wir uns nicht zu ernst, denn was und wer und wozu sind wir hier auf dieser Pilgerreise und wohin führt sie uns? Ist nicht dies unsere Frage, nach der wir eine Antwort suchen?»     

Als Bauer mit Augen für das Kleine wie das Grosse ist er Realist genug, um die letzte Antwort im gekreuzigten und auferstandenen Christus zu finden. In seinem Werk «Glaube muss wachsen», das in seinem 80. Lebensjahr erscheint, fasst er seinen tiefsten Lebensgrund in die Worte: «Wie schön ist es, wissen zu dürfen: Er führt mich auf rechter Strasse. Auch wenn es mitunter über Klippen und Klüfte geht, habe ich die Gewissheit: Es dient mir zum Besten. Und ich fühle es tief: Ich bin nicht mehr allein, ja ich kann mit dem Liederdichter sprechen:

«Stark ist meines Jesu Hand,
Und ER wird mich ewig fassen,
Hat zu viel an mich gewandt,
Um mich wieder loszulassen.
Mein Erbarmer lässt mich nicht,
Dies ist meine Zuversicht»

Karl Bernhard Garve (1763-1841)

A. Sierszyn, 5.1.2021

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