Spinnen im Neuthal

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Einen ganzen Monat stehen zwei Gemeinden ganz im Zeichen von szenografischen Aufführungen:
B ä r e t s w i l  +  B a u m a , verbunden mit der Dampfbahn, stellen ihre Vergangenheit im Aufkommen von Eisenbahn und Industrialisierung mit Theater, Tanz, Musik, Ballett, Projektion und Geräuschkulissen mit Laien & Profis dar und knüpfen Verbindungen zur Gegenwart.
Idee, Konzept und künstlerische Leitung: Elisabeth Wegmann und Melanie Mock. – Trägerschaft: Verein Spinnen im Neuthal, Präs. Hans-Peter Hulliger mit Organisationskomitee. Patronat: Kulturkommission Zürcher Oberland.

Sie steht am Anfang und im Vordergrund des szenografischen Projekts «Spinnen im Neuthal», das viele  Aufführungen erlebt:
die Dampfbahn des DVZO auf der Strecke Bauma – Bäretswil.

Dampfbahnromantik pur! Schon beim Einsteigen erleben die gruppenweise geführten Teilnehmenden die technische Perfektion in Verbindung mit der Mühsal des damaligen Reisekomforts.

Das Spiel beginnt im Zug. Adolf Guyer-Zeller zum Publikum: „Jetzt mal ganz praktisch gedacht: Wer soll den Stoff Ihrer Hose bezahlen ohne Sklavenarbeit? Dasselbe mit der Kinderarbeit. 13 Stunden ist für Kinder zu viel, das gebe ich zu, aber wie dem Übel abhelfen? Denken Sie an die Einschränkung der Gewerbefreiheit, die Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt eben im Leben Dinge, die sich nicht umgestalten lassen.“

Guyer: „Ich komme wie gesagt gerade aus Amerika. Die Sklavenfrage ist eine grosse Diskussion. Lincoln, der neu gewählte Präsident, weiss so gut wie jeder, dass die Sklaverei nie aufgehoben werden kann, dass sie im Süden existieren wird, solange der Schwarze nicht revoltiert. – Ich habe mir den Süden angeschaut. Ich hatte da zum ersten Mal in meinem Leben zu Pferde die Baumwollfaser geprüft, die Wolle vom Sattel aus gepflückt, gewiss eine Stellung und Verhältnis, die beneidenswert waren. Bevor wir in einen Wald einbogen, trafen wir eine Schar Sklaven an, die auf die Baumwollfelder ging, um die Wolle auszupflücken. Als wir an ihnen vorbei ritten, konnte ich nicht umhin, eine Parallele zwischen ihnen und uns zu ziehen: Da der Sklave, bei der Morgendämmerung aufs Feld der Arbeit gehend, hier der Herr, auch schon auf und zu Pferde, in den Wald auf die Jagd reitend: – Findet man dort im Süden nicht das mittelalterliche Rittertum unter einer anderen Gestalt wieder? Damals waren es Schlossbesitzer und Leibeigene, jetzt sind es Pflanzer und Sklaven – das ist ein Bild des Lebens: Die einen sind zum Regieren, die andern zum Dienen geboren.“

Bahnhof Bäretswil: Zuschauerinnen und Zuschauer sind ausgestiegen. Guyer-Zeller stellt vor Projektionen an der Wand des Güterschuppens seine Pläne und Visionen dar.

Guyer auf der Bahnhoframpe: „Die Eisenbahnen sind die Reformatoren des 19. Jahrhunderts! Sie verbinden die Menschen mehr als die grossen Geister der Menschheitsgeschichte… Ich verbinde dich und dich und dich mit der ganzen Welt!“

Guyer: „Jetzt können wir alles noch auf der Karte betrachten: London-Paris-Zürich-Neuthal-Chur-Müstair-Meran-Zagreb-Belgrad-Konstantinopel-Bagdad-Bombay-Kalkutta! Bäretswil-Kalkutta im Speisewagen, in illustrer Gesellschaft, Damen und Herren aus der ganzen Welt. The one and only Adolf Guyer wird die Völker der Welt verbinden!“

Auf der Rückfahrt im Bussental begegnet Guyer in einer Art Tagtraum seiner eigenen historischen Vergangenheit: Raubritter (vom Greifenberg?) überfallen den Zug.

Zurück im Bahnhof Neuthal entsteigen die Zuschauer dem Zug und gehen zu Fuss hinunter ins Fabrikareal. Bewegte Projektionen an der Fabrikwand stimmen sie auf die Themen Energie und Arbeit ein.

An den Pfeiler der Weissenbachbrücke sind die rauschenden Niagarafälle projiziert und kreischende Möwen im Flug. Dazu ertönt Guyers Stimme aus seinem Reisetagebuch: „Was für eine gewaltige Wasserkraft ist dies! Die Form des Felsens, über den das Wasser stürzt,  hat ungewöhnlich viel Ähnlichkeit mit dem Giessen am Weissenbach, der sich hinter der Fabrik ergiesst.“

Im Park sind Bäume an Stämmen & Ästen mit Garnen verbunden und vernetzt, rund um einen Teich, der die Schicksalsquelle Urd darstellt. Garnspindeln hängen wie Pendel daran. Ein Spinnrad am Teichrand liefert Garn, das drei mit Spulen am Kleid bestückte Frauen im Netz verspannen.

Es sind Nornen, die die Schicksalsfäden ziehen: Göttinnen-, Zwergen- oder Elfen ähnliche Wesen, die die Lebensfäden in Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft spinnen. Alles in unablässig stiller Versenkung zu mystischen Klängen aus der Krone des Weltenbaumes über ihnen.

Von göttlichen Schicksalsspinnerinnen zum Schicksal der Arbeiterinnen in der Spinnerei zur Zeit der Industrialisierung. Die Spinnereimaschinen sind Objekte aus dem Museum Neuthal, aber nicht aus der Zeit der mit Transmission betriebenen Spinnerei zur Gründerzeit.

„Maschinelle Musik“ suggeriert den anhaltenden Fabriklärm, eine Menschen unwürdige, mechanische Choreographie diktiert dem Frauenballett in moderner Arbeiterinnenmontur schnelles Tempo und hohen Produktionsrhythmus bis zur Erschöpfung.

Das Transmissionsrad zwischen Turbinenturm und Fabrikgebäude ist Hintergrund und Gegenstand einer Performance mit Akteuren in Arbeitskleidern. Fein abgestimmte Bewegungen in monotonen Rhythmen stehen für Energie und Kraftübertragung.

Die Akteure auf der Brücke scheinen ihrer Zeit voraus zu eilen. Ihre Arme weisen ins Dunkle, in die Zukunft, in der einst ein unsichtbarer Energiefluss: die Elektrizität, unabhängig von Rad, Seil und Riemen zu den Fabrikationsräumen strömen wird.

Die Bauart des Turbinenturms zeigt wie die Ritterszene beim Überfall auf die Dampfbahn die Verbundenheit Guyer-Zellers mit seiner mittelalterlichen Vergangenheit. Die Kostümierung des Chors, der aus dem Turm quillt, beschwört allerdings zwei Sphären herauf: in den Frauen die Welt des mittelalterlichen Minnesangs auf den Burgen zwischen Rapperswil, Toggenburg, Landenberg und Greifenberg. In den Überkleidern der Männer das Aufkommen der Arbeiter-Männerchöre im Zeichen des sich bildenden Selbstbewusstseins der Arbeiterbewegung.

Minnesang

Grotte im Park: Guyers Gelöbnis

Im Wohnzimmer der Fabrikantenvilla stehen sich eine Vertreterin der Fabrikbelegschaft und ein Sprecher des Unternehmers gegenüber. Die frühe Gewerkschafterin stellt Fabrikant Guyers Gegnerschaft zum Gesetz zur Abschaffung der Kinderarbeit bloss. Von Unternehmerseite wir ins Feld geführt, dass er Arbeit und Verdienst sichere, wozu er Gewerbe- und Wettbewerbsfreiheit benötige. Dem Vorwurf der Profitsucht wird entgegen gehalten, der Fabrikherr habe eine Krankenkasse gegründet. – Die von den Bussen für Fehler der Arbeiter finanziert werde, wird entgegnet. Dem Argument, den Arbeiterfamilien stünden günstige Kosthäuser zur Verfügung, hält die Gewerkschafterin entgegen, es seien präzise ein Dutzend Wohnungen für über 200 Arbeitende.

Den Unternehmer-Schlagwörtern, wie sie an den Wänden von Guyers Villa prangen: „Wissen ist Macht!“, „Wollen ist Können!“ stehen jetzt die schreienden Parolen der Gewerkschafterin gegenüber, die bald zu den Leitsätzen der Arbeiterbewegung und des Sozialismus werden: „Ihr seht keine Menschen, nur Sklaven!“ – „Überlange Arbeitszeit in bitterer Armut ist Ausbeutung!“ – „Alle Menschen sind gleich erschaffen!“ – „Vereint euch! Wir sind viele!“

Die bewegte Ton- und Licht-Installation am Stauweiher entführt das Publikum in eine ganz andere Welt: das Reich der Mythen und Sagen der Tössberge, thematisch aber doch angelehnt an Guyers voraus geplante Eheschliessung mit der reichen Tochter der einflussreichen Zürcher Familie Zeller.

Am Schluss der 2½-stündigen Zeireise folgen die Gruppen ihren Führern mit der Hirtenstab-Laterne zum Bahnhof Neuthal und besteigen den Dampfzug für die Rückfahrt nach Bauma.

Die historische Bahnhofshalle Bauma (1860-1905 Perronhalle im Basler Zentralbahnhof) nimmt den „Theaterzug“ aus dem Neuthal wieder auf.

Viele Gespräche von Reisenden setzen sich an Tischen und Bänken des Bahnhofbistros in der Halle fort. Vielfältig sind Fantasie und Erinnerung durch die erlebten Bilder angeregt, geschichtliches Verständnis und Mitgefühl durch hinreissende Szenen aufgewühlt: Man will sich austauschen. Wo mit dem letzten Zug auch Akteure, Tänzerinnen, Helfer und Verantwortliche eintreffen, kommt Applaus auf: Bravorufe, der gefühlsbetonte Dank des Publikums für einen akkurat vorbereiteten, einmalig kunstvoll ausgestalteten, reichhaltigen und bewegenden Anlass. Er wird dank seiner Gemeinschaft bildenden Wirkung nicht in Vergessenheit geraten.

Literatur

1 - Melanie Mock, Elisabeth Wegmann: T_Raumfahrt - Szenografische Projekte 2017, Spinnen im Neuthal
2 - D. Kilchör: Zürcher Oberländer. 15.08.2017, Spinnen im Neuthal: Was ist das?
3 - Spinnen im Neuthal. prorec 20.12.2017, DVZO - eine Doku Rückschau (V.2)

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