Stutz Jakob

Jakob Stutz (27.11.1801 – 14.05.1877), in Isikon geboren, ist Volksdichter und lebte seine letzten 10 Jahre bis 1877 bei seiner Nichte in Bettswil.

Stiftzeichnung von Jakob Stutz beim Lesen seines Tagebuchs.

Jakob Stutz wuchs in Isikon bei Hittnau in einer relativ wohlhabenden Familie auf – der Vater war Bauer und Baumwollgarnhändler, ein Fergger – und erlebte glückliche Jahre, bis er 1813 kurz hintereinander seine Mutter und dann auch noch seinen Vater verlor und er unter seinem älteren Bruder zu leiden hatte, der den Hof übernahm. Als später die Geschwister auf verschiedene Pflegefamilien verteilt wurden, hatte Jakob Glück im Unglück. Er kam zu seiner Gotte in der nahe gelegenen Mühle Balchenstahl. Diese erkannte schnell, dass er nicht für körperlich harte Arbeit geeignet war und erreichte, dass er stattdessen ihre Tochter im Schulunterricht unterstützen durfte. Dort erlebte er das rundherum entsetzliche Leid der Hungersnot von 1817.

Dank seines Eifers und seiner Begabung wurde Stutz erst bei Pfarrer Schweizer in Wila[1] und später von Pfarrer Tobler in Sternenberg gefördert, während er sich als Hausweber, Hausknecht und Strumpfstricker an verschiedenen Stellen sein Brot verdiente. Auf Empfehlung von Tobler wurde er 1827 Unterlehrer in der Blindenschule Zürich und 1836 Lehrer an einer Privatschule in Schwellbrunn, wurde aber wegen seinen homosexuellen Neigungen verfemt und wiederholt verurteilt.

Die Dichterschule in der «Jakobszelle»

Jakob Stutz litt stark unter seiner Homosexualität und entschloss sich 1841, sein Leben als einsamer Büsser auf der Matt-Sternenberg zu verbringen. Sein Holzhäuschen wurde aber schnell zur berühmten Jakobszelle und er gründete die „Zürcher Oberländer Dichterschule“, aus der unter anderen der Heimatdichter Jakob Senn, (der Poet Heinrich Brandenberger ?) und der Pfahlbauforscher Jakob Messikommer hervorgingen. Hier verbrachte er eine gute Zeit, bis er 1856 wegen seiner Homosexualität aus dem Kanton verbannt wurde.

Bildliste

Jakob Stutz und sein Erziehungsroman

Aufklärung, Befreiung, Mündigkeit, Demokratie waren beherrschende Themen von 1750 – 1850.

Ohne die hierarchischen und Gott-gewollten Strukturen von Adel und Kirche im Mittelalter musste sich die Gesellschaft selbst Regeln geben. Rousseau zeigte, wie mit dem «Gesellschaftsvertrag» (Contrat social, 1762), der dem allgemeinen Willen entspringt, ein geordnetes, dem allgemeinen Wohle förderliches Leben ermöglicht werden soll. Und zur Theorie liefert er im selben Jahr 1762 auch gleich die Praxis mit. Im Erziehungsroman «Émile oder Über die Erziehung» zeigt er, wie ein Kind erzogen werden soll, um einst als mündiger Mensch unter Anerkennung des Gesellschaftsvertrags bestehen zu können.

Pestalozzi war von Jean-Jacques Rousseau und seinem Roman so begeistert, dass er seinem Kind den gleichen Vornamen Hans-Jakob gab und ihn wie Émile erziehen wollte – was zwar kläglich scheiterte, ihn aber nicht daran hinderte, 1782 selbst einen Erziehungsroman «Lienhard und Gertrud» zu schreiben – ein Roman, der wie schon «Émile» zu einem riesigen Erfolg wurde.

Und Jakob Stutz seinerseits hätte sich nichts sehnlicher gewünscht, als Eltern wie «Lienhard und Gertrud» zu haben. Das war ihm nicht vergönnt – seine Eltern starben allzu früh. Aber Aufklärung und Belehrung waren ihm ein Herzensanliegen. In der Jakobszelle 1846 schrieb er nun seinen Erziehungsroman «Lise und Salome», die beiden Webermädchen vom Sternenberg – ganz in der Tradition von Pestalozzi und Rousseau[2].

Ernetschwil, Wohnort von J. Stutz 1858-62. Zeichnung von Jakob Zollinger, 1977

Jakob Stutz und das Volkstheater

Sein Frühwerk und wohl sein bekanntestes Theaterstück war «Der Brand von Uster», das er 1836, vier Jahre nach dem Fabrikbrand publizierte. Aber seit seinen «Gemälden aus dem Volksleben» hat er wo immer auch Volkstheater geschrieben, so speziell auch für seine Schüler in Schwellbrunn. Nach seiner Verurteilung 1856 und 3-jährigen Verbannung aus dem Kanton hielt er sich erst im St. Gallischen Oberholz, angrenzend an Wald ZH, auf, wo er aber nicht heimisch wurde. Mehr Ruhe und Geborgenheit fand er in Ernetschwil / Gommiswald, wo er bis 1862 blieb. Im nahegelegenen «Neubad» eröffnete er ein Volkstheater, für das er eine ganze Reihe von Volksschauspielen schrieb, die ihm weit herum Anerkennung und neue Freunde brachten, so u.a.:
«Schön Fridli», «Wie Stiefkinder ihre böse Stiefmutter los werden», «Das Schwerste ist, sich selbst kennen», «Du sollst nicht reden», «Liebschaften, wie es viele giebt», «Der Haneigg mueß Götti si», «Eifersucht, oder wie am Dorfbrunnen die Lügen wachsen», «D’ Chrutwähe», «Die neue Eva»[3], «Die Gevatterschaft zu Scheinhausen», «Die nidisch Chlefe», «Die Waise aus Savoyen», «Des Vaters Geburtstag», «Der verirrte Sohn».

Lebensabend in Bettswil

Seine letzten 10 Jahre bis 1877 lebte er still und beinahe vergessen bei seiner Nichte Margaretha Walder-Kägi im Wirtshaus Pilatusblick in Bettswil. Begraben wurde er auf dem Kirchhof in Bäretswil, wo heute (2020) ein Gedenkstein steht. Zu seinem 200. Geburtsjahr wurde ihm beim Eingang zum ehemaligen Wirtshaus in Bettswil eine Gedenktafel aufgehängt.

Bild von Jakob Stutz als betagter Dichter in Bettswil.
Der betagte Dichter

Sein wohl wichtigstes Werk ist Sieben Mal sieben Jahre aus meinem Leben. Als Beitrag zu näherer Kenntnis des Volkes[4], in dem er 1853-55 rückblickend nicht nur seine vergangenen 50 Jahre beschreibt, sondern auch einen authentischen Einblick in die Lebensumstände und Denkweise dieser Zeit im Zürcher Oberland widergibt (7×7). Und immer wieder zeigen sich seine didaktisch pädagogischen Bemühungen, so bei der Einführung neuer Methoden in der Blindenschule wie auch in seinem Werk Der Brand von Uster[5] [6] oder die Folgen verabsäumter Volksaufklärung, wo er die Ursache für den Maschinensturm von 1832 im Bildungsdefizit des rückständigen, abergläubischen Völkchens sieht, das glaubt, mit der Zerstörung von 20 künstlichen Webstühlen die Handweberei überall erhalten zu können.(siehe auch Rellsten Felix)

Pfarrer Wolf berichtet in seiner Chronik vom 26. Juli 1903:
«Versammlung der gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Hinwil im Bären. Anwesend über 100 Mitglieder. Der Präsident, Herr Pfarrer Flury in Wetzikon zeichnet in seinem Eröffnungswort, in sehr klarer, erschöpfender und gerechter Weise das Lebensbild des bekannten Volksdichters Jacob Stutz, der lange Jahre in hiesiger Gemeinde gelebt und auf unserem Kirchhofe die letzte Ruhe gefunden hat.»
(Tatsächlich hatte er sich aber gewünscht, in Hittnau beerdigt zu werden!)

Der Jakob-Stutz-Weg endet vor Bettswil

Im Gedenken an seinen 200. Geburtstag wurde 2001 der Jakob-Stutz-Weg erstellt, der die wichtigsten Stationen in seinem Leben nachzeichnen soll. Er verbindet bedeutsame Orte wie die Mühle Balchenstahl, natürlich seinen Geburtsort Isikon, Wila, wo er bei Pfarrer Schweizer ein- und ausging mit seiner Jakobszelle in Sternenberg (870 m). Und da endet der Gedenkweg nicht nur geographisch, sondern auch biographisch auf seinem Höhepunkt. Hier schrieb er sein bedeutendstes Werk «Sieben Mal sieben Jahre» und hier konnte er einen Kreis von Dichterfreunden um sich scharen. In seinen letzten 10 Jahren in Bettswil soll er eitel, streitsüchtig, verbrämt und einsam gewesen sein. Und da ist es wohl besser, den Gedenkweg in den Sternen von Sternenberg zu beenden.

P. Bischofberger, 22.10.2020

Literatur

1 - Otto Schaufelberger: Endlich geht die Sonne auf. Wunderliche, fröhliche und traurige Jugenderlebnisse des Volksdichters Jakob Stutz. Orell Füssli, Zürich 1962
2 - Matthias Peter: E-Periodica. ETH-Bibliothek 2002, Der Zürcher Oberländer Volksdichter Jakob Stutz (1801-1877)
3 - Jakob Zollinger: Auf den Spuren von Jakob Stutz. Wetzikon 1977 , (zu Jakob Zollinger, Wikipedia)
4 - Jakob Zollinger: Jakob Stutz 1801-1877, Würdigungen und Beiträge. ZO Buchverlag, Wetzikon 2001, Lebensstationen
5 - Dieter Hitz: Auf den Spuren von Jakob Stutz. , zur Filmpremiere am 28.10.2021 im Kino Rex, Pfäffikon
6 - RR Ernst Stocker: Zürcher Oberländer. Jakob-Stutz-Weg Eröffnung 18.09.2022, Stutz hätte grosse Freude an unserem heutigen Bildungssystem

Einzelnachweise

[1]Anm. , Sowohl Otto Schaufelberger («Endlich geht die Sonne auf») wie auch Jakob Zollinger («Auf den Spuren von Jakob Stutz») sprechen auch beim Hittnauer Pfarrer von «Pfarrer Schweizer». Stutz selber nennt den Hittnauer Pfarrer nie beim Namen und sicher handelt es sich beim Hittnauer und beim Wilemer Pfarrer um 2 verschiedene Personen.
[2]Jakob Stutz: Lise und Salome - die beiden Webermädchen. Verlag von Meyer und Zeller, Zürich 1847, Digitalisat
[3]Jakob Stutz: Die neue Eva, Lustspiel in zwei Aufzügen. C. Schmidt, Zürich 1896, Digitalisat
[4]Jakob Stutz: Sieben Mal sieben Jahre aus meinem Leben. Als Beitrag zu näherer Kenntnis des Volkes.. 5 Bände, Zwingli Pfäffikon (Neuausgabe: Huber, Frauenfeld 1983; 2. Auflage 2001, ISBN 3-7193-1264-X) 1853-55, Digitalisat
[5]Jakob Stutz: Gemälde aus dem Volksleben. Der Brand von Uster. F.Schulthess, Zürich 1836, (Schluss-Auftritt)
[6]Jakob Stutz: Gemälde aus dem Volksleben, Bd. 1-6. Schulthess, Zürich 1835-1911, Digitalisate e-rara

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