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PBN.SCHA.310 - Dokument «Erwin Schaufelberger: Ein Cowboy im Zapfsäulenland»

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Erwin Schaufelberger: Ein Cowboy im Zapfsäulenland

30.07.2014 / ZO [PBN.SCHA.310]

Nichts ist spannender als Menschen, die etwas zu erzählen haben. Die Serie «Kopf der Woche» stellt solche Personen ins Zentrum. Diesmal erzählt Erwin Schaufelberg aus seinem Leben.

Man hatte sich einen grummeligen Mann vorgestellt, einen stämmigen mit Muskeln unter dem Leibchen oder aber Bauchansatz und Zigarettenstummel im Mund, ein bisschen so wie Bud Spencer vor einer heruntergekommenen Häuserzeile im Italo-Western. Zum Erscheinungsbild von Schüfis City Markt in Bäretswil hätte dieses Klischee gepasst – vor dem Laden stehen alte Einkaufswagen mit alten Fähnchen und Handgriffen, auf denen die Logos längst «verstorbener» Ladenketten hervorblitzen. Daneben gibt es eine Tankstelle, und für die Freunde dieser Zapfsäulenromantik und diejenigen der Vereinigten Staaten von Amerika im Speziellen flatterte während der WM vor dem Ladeneingang ein übergrosses Sternenbanner. Der ältere Herr aber, der drinnen zwischen Weingestellen und Eisteeflaschenstapeln in schwarzen Jeans und Polohemd für den Fotografen posiert, sieht anders aus. Seine Postur ist zierlich, es ist diejenige eines Mannes, der sein Leben lang Fussball gespielt und bei der Arbeit eine Menge schwerer Kisten geschleppt hat, und seine Augen sind freundlich und himmelblau wie diejenigen von Terence Hill. Dass Erwin Schaufelberger mit einer Wasserpistole aus seinem Spielwarensortiment fotografiert wird, macht ihm nichts aus, im Gegenteil. Mit fast kindlicher Freude spielt «Schüfi» das Spiel mit, das der Fotograf spontan mit ihm inszeniert. Immer wieder schüttelt es ihn vor lachen. Und immer wieder verwandelt sich sein sanfter Blick urplötzlich in eine ernste Miene.

Die Konzentration lässt nach, sobald ein Kunde in sein Blickfeld tritt. «Klappts mit Aufladen?», ruft er einer Frau zu, die zwei Sechserpacks Mineralwasser zum Ausgang schleppt. An einem anderen Tag wäre Schaufelberger längst bei ihr gewesen, um zu helfen, trotz angerissener Sehne an der Schulter. Aber heute ist der Fotograf da, und der will vorwärtsmachen.

Seit 14 Jahren arbeitet der 60-Jährige an sechs Tagen pro Woche von morgens bis abends in seinem Gemischtwarenladen, und genau so lange geht er seinen Kunden zur Hand, wenn sie sich für Wein aus Valencia und Mineralwasser aus Zurzach, Scheibenwischermittel, Keramikfrösche oder Gerber-Fondue interessieren. «Ich kenne Erwin seit 14 Jahren», sagt Claudia Föllmi, die als Serviertochter im «City-Café» arbeitet. Es ist dem Laden angegliedert, und auf seinem grossen Fenster klebt als Sichtschutz die Skyline von New York. «Schüfi ist ein grosszügiger und lieber Chef. Er ist sehr lustig und liebt es, wenn es auch um ihn herum lustig ist. Fluchen habe ich ihn noch nie gehört. Aber wenn er den Laden um 8 Uhr öffnen will und ein Auto vor seiner Ladentür steht, dann lupft es ihm den Deckel.»

Schaufelbergers Laden befindet sich im Herzen von Bäretswil, genau zwischen seinen ärgsten Konkurrenten: Ein paar Häuserblocks entfernt befindet sich der Volg, und gleich um die Ecke der Coop. Dort hat er 1969 die Lehre gemacht, bei einer «bösen Lehrmeisterin», die ihn nie Fussball spielen gehen liess. Wenn das Bier im Coop Aktion hat, kauft er noch immer dort ein – um es später im eigenen Laden günstiger an den Mann zu bringen.

«Die Konkurrenz ist gross, es ist ein Überlebenskampf. Unser Umsatz wird immer kleiner», sagt Schaufelberger. Er spricht leise, und die ernste Miene ist jetzt echt. «Ich beschäftige mich nicht jeden Tag mit den Zahlen. Das würde mich nur kaputt machen.» Bis jetzt haben er und seine Frau Heidi, die ihn im Laden tatkräftig unterstützt, es trotzdem immer irgendwie geschafft, sich und ihr Geschäft über Wasser zu halten. Und dies, obwohl die Grossverteiler nicht nur günstiger einkaufen, sondern neben Frischprodukten auch längere Öffnungszeiten anbieten können und mehr Personal zur Verfügung haben. Trotzdem hat Schaufelberger Stammkunden, die jeden Tag vorbeikommen. «Sie schätzen offenbar den persönlichen Service. Wir erfüllen hier eine wichtige soziale Aufgabe», sagt er. Aber er weiss auch, dass er längst hätte aufgeben müssen, wenn er sein Einkommen nicht auch über die Tankstelle auf dem Areal, das Café daneben und einen Pam-Partner-Laden in Russikon, der ihm ebenfalls gehört, generieren könnte.

Wenn im Café um 9 Uhr die «Büezer» eintrudeln, steht Schaufelberger hinter dem Tresen und streicht Brote. Zu schade war sich Schaufelberger für solche Aktionen nie. Schon vieles hat der Familienvater, der inzwischen auch Grossvater ist, im Laufe seines Lebens gemacht, um Geld zu verdienen. Manchmal hatte er damit Erfolg, manchmal weniger. «Ich versuchte immer, meine Ideen umzusetzen. Ich muss mir jedenfalls nie vorwerfen, etwas nicht ausprobiert zu haben», sagt er. Als junger Mann verkaufte Schaufelberger Gemüse und Früchte auf Märkten in Zürich und Bäretswil. «Aber damit konnte ich keine Familie ernähren», erinnert er sich. 1979 eröffnete er beim Bärenplatz in Bäretswil «Schüfis Traumlädeli», zwei Jahre später eine weitere Filiale in Affoltern. «Das war die strengste Zeit meines Lebens. Ich arbeitete von morgens um drei bis abends um acht Uhr.»

Die bisher beste Geschäftsidee, wie er findet, hatte er 1989, als er einen Telefonservice für Stellensuchende aufbaute. Bis 5000 Leute riefen pro Monat an, doch irgendwann boykottierten die Zeitungen seine Inserate, weshalb ihm irgendwann das Geld ausging.

Dabei ging es ihm gar nie ums Geld, wie er sagt. Luxus bedeute ihm nichts. «Das Geld interessierte mich nie. Es musste einfach genügen.» Mehr als 3000 Franken gab er für die Occasionsautos, die er kaufte, nie aus. «Sie mussten bloss drei Jahre lang fahren.» Trotzdem sei er grosszügig gegenüber Freunden und gebe auch in den Beizen immer Trinkgeld, sagt Arturo Webber über seinen Freund. Webber ist mit Schaufelberger zur Schule gegangen, hat mit ihm Fussball gespielt und sich mit ihm in der Bäretswiler Partei der Unzufriedenen für einen Fussballplatz in Bäretswil starkgemacht. Schaufelberger selber, der die Partei gegründet hatte, kämpfte jahrelang an vorderster Front. Mit Erfolg: 1995 wurde in Adetswil der Sportplatz Tannacher gebaut.

«Erwin ist zielstrebig und gelegentlich auch etwas stur. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er das durch und lässt sich nicht abwimmeln», sagt Webber. Bis vor sieben Jahren stand Schaufelberger als Ehrenmitglied des Fussballclubs Bäretswil selber regelmässig auf dem Platz.

Politisch engagiert war er damals auch in anderen Belangen, etwa, als er sich in den 1990er Jahren gegen die Europäische Gemeinschaft EG stark machte. Nach seiner Zeit bei den «Unzufriedenen» blieb er zwar ohne Partei im Rücken, aber bis heute wählt er am liebsten die Schweizer Demokraten, wie er sagt.

Eine tiefe Abneigung hegte Schaufelberger allerdings schon immer gegen Wohneigentum. Mit seiner Frau lebt er in einer Mietwohnung im Industriequartier, der Sohn im selben Haus, die Tochter mit ihrer Familie ganz in der Nähe. Auch das Ladenlokal an der Bahnhofstrasse gehört ihm nicht. Viel lieber gibt er sein Geld anders aus: Zum Beispiel für Ferien in den USA, sein «liebstes und einziges» Reiseland. An die drei Sommerwochen, die er mit seiner Familie jeweils in den Staaten verbringt, hängt Schaufelberger meistens noch eine ?Woche an. Dann zockt er in Las Vegas am Pokertisch, was das Zeug hält. Die Gefahr, dass er so mehr Geld verspielt, als er hat, bestand dabei nie: «Ich schenke mir an jedem Tag 200 Franken und spiele so lange, wie es geht. Wenn ich 14 Stunden schaffe, bin ich glücklich.»

Patrizia Legnini


Literatur

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