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Ein Fabrikherrentraum im Zürcher Oberland

1977 / Schweizerische Verkehrszentrale (SVZ), Heft 10, Band 50 [PBA.IGES.013p]

siehe «Schweiz», 3/1977, S.41: e-periodica
Neuthal: der Kubus einer stillgelegten Spinnerei, einige Wohn- und Ökonomiegebäude mit dem abbröckelnden Glanz herrschaftlicher Repräsentation, eine verspielte Parkanlage mit Teich, Springbrunnen, Grotten und Lauben, deren Reiz durch langsamen Zerfall noch erhöht wird, darüber das Gitterwerk einer Eisenbahnbrücke, über die kein Zug mehr fährt... Neuthal am Wissenbach, einem Zufluss der Töss, zwischen Bauma und Bäretswil gelegen: Geburtsort, zeitweilige Wirkungsstätte, dann Sommerresidenz und Ruheplatz eines der bedeutendsten schweizerischen Industrie- und Wirtschaftspioniere des 19.Jahrhunderts. In dieser Anlage hat sich die liebenswürdigere Seite des realistischen Träumers ausgeprägt, als den man Adolf Guyer-Zeller (1839-1899) wohl bezeichnen darf, den ob seiner Rücksichtlosigkeit, seines Machtwillens und seines Steckkopfs Vielgehassten, ob seiner Tatkraft und Weitsicht Vielbewunderten. Sein ganzes Lebenswerk ist bestimmt vom Gegensatz zwischen dem harten Realismus des Geschäftsmannes und den phantastischen Neigungen eines Abenteurers, ja fast einer Künstlernatur. Guyer-Zellers bekannteste und bleibende Leistung ist der Bau der Jungfraubahn. Als begeisterter Naturfreund interessierte er sich für das phantastisch er¬ scheinende Bahnprojekt, an dem damals viele erfolglos herumbastelten. Dem Träumer und Realisten blieb es vorbehalten, die technisch und kommerziell einzig richtige Lösung zu finden. Gleichsam als Vision, auf einer Schilthornbesteigung im Anblick des Jungfraumassivs, erschien ihm die beste Linienführung. Er skizzierte sie noch in der folgenden Nacht und Hess nicht mehr locker, bis sie allen Schwierigkeiten zum Trotz realisiert war. Der « Eisenbahnkönig», der auch in schwerer Krise an die Zukunft der Eisenbahn glaubte und das gefährdete Gotthardunternehmen retten half - nebenbei die Gunst der Stunde nützte und sich mit billigen Aktien eindeckte -, der als Präsident der Nordostbahn mit einem Gewaltsstreich ihre ganze Direktion und den Verwaltungsrat auf die Strasse zu stellen wagte, der ernsthaft Pläne für eine Engadin- Orient-Bahn (via Albula, Ofenpass, Meran) wälzte, er konnte im Interesse seiner Heimatgemeinde Bäretswil sich auch mit einem Nebenbahnprojekt abgeben, der Uerikon-Bauma-Bahn (UeBB), die später nicht zu Unrecht den Übernamen «Überbei-Bahn» erhielt. Um auch seine Arbeiter in die geliebte Natur hinauszulocken, liess er in seiner engeren Heimat über 50 km Wanderwege anlegen. In Bauma wollte der Weltmann begraben sein. Hier haben ihm die Nachfahren ein protziges Grabmal errichtet.

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