Wirzwil

Wirzwil, Walter Meier, 1985
Wirzwil, Walter Meier, 1985

Eingebettet in einen Flecken unberührter Natur zwischen Bettswil und dem Rüeggenthal, liegt der alte Weiler Wirzwil. Besser bekannt ist heute die nahe Matt mit ihrem Ensemble von zwei Wohnhäusern, einer Scheune und einem Feuerwehrhäuschen beim Platz, wo sich die Strassen nach Bettswil, ins Rüeggenthal und ins Ghöch verzweigen. Bereits auf Wirzwiler Gebiet liegen das Kinderheim Sunnemätteli am Wissenbach und vor allem das alte Wirzwiler Kleinbauernhaus, das 200 Schritte bachaufwärts in einer kleinen grünen Aue liegt. In dieser stillen Ecke verbrachte der Bergbauer und Heimatdichter Walter Meier (1922-2013) mit Frau Erna seine Tage. Aus seiner Feder stammen mehrere Gedichtbändchen sowie das Bettswilerlied. Das formgediegene Wirzwiler-Haus des 18. Jahrhunderts trägt den Pfettenspruch:

Wirzwil, Walter Meier, 1985, Pfettenspruch

Der Herr unser Gott
Bewahre dieses Haus
Vor Feür und Wassernot
Und allem Ungemach.
Dies Haus hat lassen bauen
Hans Felix Egli zu Werzweil.
Baumeister war Hansheinrich Diggelmann im Brech.
Den 13. JVLI 1786

Der Hausspruch erinnert an die alte Oberländer Mundart. Man nannte den Ort früher Werzwil – genauso wie das Werzenthal oder Hewil. Hans Felix Egli erbaute dieses Haus im Jahr seiner Hochzeit mit Elisabeth Graf aus dem Maiwinkel. Vorne an der Ghöchstrasse steht schon 1590 das zweite Wirzwiler Haus. Die kleine Scheune gegenüber hat Hans Jakob Pfenninger 1850 bauen lassen. Das alte Wohnhaus seiner Familie brannte 1882 ab; seine Frau verlor in der Aufregung den Ehering, den man später in der Asche vergeblich suchte. Um 1990 hat Ruedi Meier fast an der gleichen Stelle neben dem alten Brunnen mit eigener Hand ein etwas hoch geratenes Wohnhaus errichtet.

Entlastungsheim Sunnemätteli, 1920
Entlastungsheim Sunnemätteli, 1920

Das Sunnemätteli war ursprünglich ein Bauernhaus des 19. Jahrhunderts. Hannis Egli errichtete im Nebengebäude eine Dreherei an der bescheidenen Kraft eines Weihers neben dem Wissenbach. 1919 kaufte der Bäretswiler Fabrikherr und Philanthrop Caspar Emil Spörri die Gebäulichkeiten und stellte sie der Heilsarmee zur Aufnahme von Flüchtlingskindern zur Verfügung. Heute ist das Sunnemätteli ein Entlastungsheim für schwerbehinderte Kinder und deren Eltern.

Man glaubt es kaum, aber der Hof Wirzwil hat eine für die abgeschiedene Gegend beachtliche Geschichte. Ein Nachhall der einstigen Bedeutung findet sich in der Gygerkarte von 1667, wo unter Wirzwil nicht weniger als 16 Häuser eingetragen sind, eine Zahl, die zweifellos viel zu hoch ist.  

"Wirtzwyl", Gyger-Karte 1667 (GIS-Browser)
„Wirtzwyl“, Gyger-Karte 1667 (GIS-Browser)

Was mag Hans Conrad Gyger veranlasst haben, Wirzwil auf seiner Karte zu überzeichnen? Der Hof Wirzwil wird von 1325 bis ins 15. Jahrhundert als Lehen des Klosters Rüti aufgeführt. Während mehr als 100 Jahren erscheint in der Folge Uly Bötswiler (Bettswiler) als Hofinhaber. Ab der Ernte von den sonnenbeschienenen Hängen schuldete er dem Kloster an der Jona jährlich 3 Malter Haber (knapp 1’000 Liter) Grundzins. Durch das offenbar gute Beziehungsverhältnis zum Kloster Rüti wird der Name Bötswiler bis an den Zürichsee bekannt.1345 gehört Ulrich Bötswiler mit Ulrich Adoltswiler zum Rat von Rapperswil. 1367 besitzt Rudolf von Boetswile in Zollikon einen Rebberg, der an ein Rebgut des Klosters Rüti grenzt.

Standort von Eggenmüli (Swisstopo)
Eggenmüli (Swisstopo)

Der Umfang des Hofes Wirzwil war früher bedeutend grösser als heute. Im Nordosten reichte er bis ins Rellstentobel und grenzte an den Hof Laupetswil, im Südosten an den Fehrenwaltsberg. Auch die heutige Matt, die im 17. Jahrhundert noch ohne Häuser bereits zu Bettswil gehört, lag im Mittelalter ziemlich sicher noch im Einzugsgebiet von Wirzwil. Vor allem aber muss das grosse Gut der «Eggenmüli», ursprünglich genannt «Heggenmüli», zu Wirzwil gehört haben. Diese heute noch bekannte Flur, teils bewaldet, reichte von der schönen Mattwiese am Wissenbach bis ins obere Wirzental und hinauf an den Allenberg. Wirzwil gehörte zu den 57 grossen Aussenposten des Klosters. So wie Rüti nachweislich auf seinem Hof im Schaufelberg eine Mühle einrichtete – nur Klöster oder Adelsherrschaften waren dazu befugt -, so erinnert der Name «Heggenmüli» an eine eingehegte Mühle, die das Kloster im 13. Jahrhundert für seinen Hof Wirzwil an den Wissenbach gepflanzt haben muss.

 In der frühen Neuzeit hat Wirzwil seine einstige Bedeutung verloren. 1504 und 1541 wird Uly Meyer als Inhaber von «Wertzwyl» genannt. 1590 bezeugt ein Gültbrief, dass Jacob Meyer zu Wertzwyl der Witwe von Junker Zoller (Mitglied der Regierung und Vogt auf dem Schloss Wädenswil) den ansehnlichen Betrag von 1’000 Gulden für seine Güter schuldig sei: nämlich für zwei Häuser, zwei Scheunen, einen Spycher, desgleichen zwei Kraut- und einen Baumgarten, zehn Mannmahd Heuwachs samt einer einmüttigen Hanfpünt darin, genannt die Matt. Ferner gehören dazu 80 Jucharten Weide und Heuwachs, zehn Jucharten Holz u. a. m. Das zweite Haus bewohnt 1590 gemäss dem Zehntenrodel von Pfarrer Wagner Klyn-Uly Meyer. Bis 1615 wird ein drittes Haus gebaut.

Wirzwil. In der Mitte Sunnemätteli, rechts hinten Bauernhaus Walter Meier, Blick Richtung Rüeggenthal und Stoffel, 1996
Wirzwil. In der Mitte Sunnemätteli, rechts hinten Bauernhaus Walter Meier, Blick Richtung Rüeggenthal und Stoffel, 1996

Bereits im 16. Jahrhundert besitzt indes auch der reiche Jakob Graf von Bettswil Wirzwiler Land in der Matt sowie auch das Gut Bruggen ob dem Rellsten. Ab 1610 ist der Rellsten selbst ein bewohnter Hof. Die Pest scheint 1629 auch in Wirzwil gewütet zu haben. Jedenfalls verschwindet hier um diese Zeit der Name Meyer. In der Folge erscheinen am Ort Jakob Bachmann-Walder und der Name Zuppinger. Erst 1691 begründet Bernhard Egli ab dem Ghöch in Wirzwil eine neue Familien-Dynastie, die bis ins 19. Jahrhundert bestimmend ist. Hs. Felix Egli, 1786 der Erbauer des Wirzwiler Kleinbauernhauses, steht kurz zuvor am Taufstein als Götti des gleichnamigen «Rellsten Felix». Aus der Wirzwiler Familie von Felix Egli-Graf zieht Schneider Jakob Egli auf den Maiwinkel, von wo schon seine Mutter herstammte.1788 lebt er mit seiner wachsenden Familie auf der Stockrüti. Die Familie Egli auf der Sägerei stammt aus dem Wirzwiler Kreis, wie mir schon alt Gemeinderat und Säger Jakob Egli (1892-1978) noch zu erzählen wusste.

Erst 1870 bringt Familie Meier aus dem Wabig neues Leben ins mittlerweile kleinparzellierte Wirzwil.

A. Sierszyn, 2.1.2022

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