Erholungshaus – St. Michael

Pfarrer Wolf in seiner Chronik:
«6. April 1903. Ein herrlich gelegener Platz ob dem Bürgweidli Adetswil wird von der Commission der gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Hinwil als Baustelle für das zu errichtende Erholungshaus für schwächliche Kinder des Bezirks Hinwil bestimmt, gegenüber einem Platz in der Krinnen oder „Nahren“ in der Gemeinde Wald. Die hiesige Bevölkerung freut sich über diese Wahl und erhofft von der Anstalt eine kleine Hebung des Verkehrs.
26. Juli 1903. 1. Gemeindeversammlung. Der Bau einer Zufahrtsstraße zu dem projektierten
Erholungshaus im Bürgweidli Adetswil im Kostenvoranschlag von ca. 6000 Franken wird
einstimmig beschlossen, es ehrt diese Opferwilligkeit die durch Steuern schwer belastete
Gemeinde.

Erholungshaus in Adetswil, erbaut von der Gemeinnützigen Gesellschaft. Hinten mit Bart sieht man Pfarrer Flury, der Spiritus Rectus des Unternehmens.

12. Juni 1905. (Pfingsmontag). Einweihung des Erholungshauses für schwächliche Kinder in Adetswil-Bäretswil. Zur feierlichen Einweihung der in herrlicher, freier, sonniger Lage erbauten Anstalt fand sich eine gewaltige Volksmenge aus allen Teilen des Bezirkes ein. Sie begann Nachmittags 3 Uhr nach folgendem Programm:
1. Gesang des Gemischten Chores Adetswil.
2. Übergabe der Schlüssel des Baues durch den Architekten, Herrn J. Meier in Wetzikon, an die engere Baukommission.
3. Gesang des Männerchors Bäretswil.
4. Abnahme des Baues durch den Präsidenten der engeren Baukommission, Herrn Dr. med. Haegi in Kempten, und Übergabe desselben an die Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirkes Hinwil.
5. Gesang des Männerchors Bäretswil.
6. Empfangnahme der Anstalt durch den Präsidenten der Gemeinnützigen Gesellschaft, Herrn Pfarrer Flury in Wetzikon.
7. Gesang des Gemischten Chores Adetswil.
8. Festspiel mit Schlußchor.
9. Öeffnung der Anstalt und Rundgang durch dieselbe.
10. Abends 5½ Uhr Bankett im „Frohberg“ Adetswil.

Es war eine im höchsten Grade würdige und erhebende Feier. Besonders die trefflichen Reden, die Einweihungsrede des Herrn Pfarrer Flury, des von ihm gedichtete Festspiel mit Musikeinlagen arrangiert von Herrn Dr. med. Sotz in Goßau, machten großen Eindruck und ergriffen mächtig die Herzen. Mit das Schönste bei der Feier war für die Schöpfer des gemeinnützigen Werkes das Bewußtsein, eine schuldenfreie Anstalt einweihen zu dürfen. Die Sammlung in den Gemeinden des Bezirkes ergab 44‘233.65 Franken, die verschiedenen Bazars warfen Fr. 44‘274.87 ab, die Sparkasse des Bezirks Hinwil[1] schenkten 20‘000 Franken, Total 108‘508.52 Franken. Ein Betrag, der gewiß Zeugnis ablegt von dem opferfreudigen Sinn der Bevölkerung des Zürcher Oberlandes. Da der Bau im Ganzen 84‘000 Franken erforderte, blieb ein Überschuß von 24‘000 Franken, der als Betriebsfond verwendet wird. Alle gemeinnützigen Anstalten sollten so schulden- und sorgenfrei den ersten Schritt ins Leben tun können.»

Die Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirkes Hinwil (GGBH)[2] [3]

1828 wurde auf Initiative von Amtmann Hans Konrad Escher, Rüti, die Gemeinnützige Gesellschaft und die Sparkasse des Bezirkes Hinwil gegründet (damals noch «Oberamt Grüningen»). Zum ursprünglichen Verband von 35 Männern zählten Dekan Waser und Leutnant Bürgi von Bäretswil.
Das sieht nach zwei verschiedenen Organisationen aus, wurde aber von denselben Personen gleichzeitig und mit ähnlichen Zielsetzungen gestartet:

Pfarrer Flury, Wetzikon, Präsident 1899-1912
Pfarrer Flury, Wetzikon, Präsident 1899-1912
  • «Förderung des Jugendunterrichtes»
  • «Verminderung der Armut»
  • «Zinstragende Ersparniskasse» zur Erlangung und Sicherung eines gewissen Wohlstandes

Nicht alle Ziele wurden gleichermassen erreicht. So scheiterte beispielsweise die Idee der Lehrerbildung und einer bezirksweiten Sekundarschule. Beide Anliegen wurden vom Kanton mit der Volksschulreform von 1833 aufgenommen.

Erholungshaus, Liegehalle, ca 1920

Das grösste Projekt der Gesellschaft war der Bau des Erholungshauses in Adetswil. Angeregt wurde es an der GV der Gesellschaft 1900 durch den damaligen Präsidenten, Pfarrer Flury von Wetzikon. Seine Sorge galt der Prävention der Tuberkulose speziell bei erholungsbedürftigen und schwächlichen Kindern. An der GV 1902 wurde dann die Errichtung eines Erholungshauses beschlossen. «Nach reiflicher Erwägung aller Verhältnisse entschied sich die Kommission für das Burgweidli-Adetswil wegen seiner herrlichen Lage, der leichten Zugänglichkeit und des billigen Preises und weil die Familie Guyer-Zeller im Neutal in verdankenswerter Weise ein grösseres Quantum ihrer am Stoffel entspringenden Quelle unentgeltlich an die zu errichtende Anstalt abtrat
Auf jener windgeschützten, herrlichen Bergeshöhe (820 Meter) mit wundervoller Aussicht in die hehre Alpenwelt und ins Tal hinunter erwarb die Kommission … das gewünschte Land.» An der GV 1903 im Bären wurde der Landkauf genehmigt und die Sparkasse leistete einen einmaligen Betrag von Fr. 20’000.- à fonds perdu an den Bau. Am Pfingstmontag 1905 konnte das festlich geschmückte Erholungshaus eingeweiht werden.

Geschichte und Entwicklung[4]

1904 – Bau des Kinderheims als Präventorium (Erholungshaus) durch die Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirkes Hinwil mit Beteiligung der Zürcher Oberländer Bevölkerung
1905 – Einweihung des Kinder-Erholungshauses, Adetswil
1924 – Erweiterung des Erholungshauses mit Hilfe der Heusser-Staub-Stiftung, Uster
1965 – Ende des Präventoriums und Auflösung des Kinder-Erholungshauses.
1967 – Abklärungen und Entscheidung über die zukünftige Verwendung des Heimes

Am 5. Mai 1967 wurde durch eine private Initiative die „Vereinigung Heilpädagogisches Institut St. Michael“ als Trägerverein gegründet, mit dem Ziel, ein Sonderschulheim für Kinder und Jugendliche mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen zu betreiben.
Ein Jahr später, am 1. Mai 1968, konnte das Sonderschulheim im ehemaligen Kinder-Erholungshaus Adetswil der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Hinwil eröffnet werden. Seit Beginn ist es von der eidgenössischen Invaliden-Versicherung anerkannt.
1968 – Eröffnung des Sonderschulheimes St. Michael mit 15 Kindern
1970 – Kauf der Liegenschaft mit Wald, Quelle und Umschwung durch die „Vereinigung Heilpädagogisches Institut St. Michael“ unter Mithilfe des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV)
1971 – Zulassung als öffentliche Sonderschule durch den Kanton Zürich.
1974 – Umbau des „Waldhauses“ (auf dem Areal des Erholungshauses) als Wohngruppenhaus
1975 – Schenkung eines Schulpavillons der Firma Geilinger in Winterthur zur Nutzung als Schulhaus (neben dem Erholungshaus) und später als Kindergarten und Hort
1981–85 Umbau und Totalsanierung des Hauptgebäudes (Erholungshaus) in Etappen
1993–95 Schulhaus-Neubau auf dem Areal des Erholungshauses Bezug am 8. Januar 1995 und Einweihung am 20. Mai 1995
2007 Bau des Parkplatzareals beim Erholungshaus

Zum Heilpädagogischen Institut St. Michael gehören die Betriebe
Hof Oberdorf,
– Waberg,
– Hofschür und
– die Sennerei Bachtel,
die Menschen mit einer Behinderung Ausbildungs- Arbeits- und Wohnplätze anbieten.

Zu Rahmenkonzept und Geschichte siehe Heilpädagogisches Institut St. Michael

P. Bischofberger, 22.10.2020

Einzelnachweise

[1]G. Strickler: Hundert Jahre Sparkasse des Bezirkes Hinwil 1828-1928. Aktienbuchdruckerei Wetzikon und Rüti 1928, Digitalisat (Auszug)
[2]G. Strickler: Hundert Jahre Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirkes Hinwil 1828-1928. Aktienbuchdruckerei Wetzikon und Rüti 1928, Digitalisat, S. 38ff
[3]GGBH mit Film zum 150-Jahre Jubiläum. 1978, Porträt
[4]Heimatspiegel, Monatsbeilage des ZO. Juni 1930, 25 Jahr Jubiläum des Erholungshauses

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